Wie gehen Organisationen mit einer ungewissen Zukunft um? Diese einfach klingende Frage hat Christian Neuhaus zum Gegenstand einer umfassenden und systematischen Untersuchung gemacht. Der Grund für den Umfang – das Buch zählt knapp 600 Seiten – ist darin zu sehen, dass sich diese einfach klingende Frage in ihrer Konsequenz als ganz und gar nicht einfach entpuppt.

 

Organisationen, insbesondere das strategische Management von Unternehmen, müssen ständig zukunftsbezogene Entscheidungen treffen. Doch allzu oft verläuft die Entwicklung dann anders als erwartet und die Entscheidungen stellen sich im Nachhinein als falsch heraus. Christian Neuhaus legt dar, dass sich angesichts der praktischen Schwierigkeiten und theoretischen Unzulänglichkeiten für zukunftsbezogene Entscheidungen in Organisationen zwischenzeitlich zwei Lager herausgebildet haben: Einerseits die Anhänger der klassischen Lehre, die ungeachtet aller misslichen Erfahrungen dafür plädieren, ein verlässliches Bild der Zukunft zu erlangen, um darauf aufbauend optimale Entscheidungen zu fällen. Der Autor ordnet diesem Lager als prototypisches Instrument die Prognose zu. Andererseits die Anhänger einer post-klassischen Haltung, die dafür votieren, die Vorstellung der Vorhersage von Zukunft aufzugeben und stattdessen in Szenarien zu denken (S. 12).

 

Dies ist jedoch nur der Ausgangspunkt der weiteren Untersuchung, deren Lektüre in doppelter Hinsicht spannend ist: Erstens werden die historische Genese und die methodologische Leistungsfähigkeit der modernen Zukunftsforschung beschrieben. Zweitens werden diese Ergebnisse auf ihre Bedeutung für das Handeln und Steuern von Organisationen hin untersucht. Sehr fruchtbar erweist sich dabei die analytische Trennung des wissenschaftlichen Status quo (Was kann Zukunftsforschung? Wie verlässlich sind Prognosen?) von den Erfordernissen der organisationalen Praxis (Welchen Zweck erfüllen Prognosen in Unternehmen?). Schließlich wendet Christian Neuhaus die Ergebnisse der Untersuchung wieder auf die ursprüngliche, an der Praxis orientierte Frage an: Was heißt all dies für das Management von Organisationen?

 

Das Buch ist so geschrieben, dass die Kapitel für sich alleine stehen können – weshalb sich ausschließlich Wirtschafts- oder Zukunftsinteressierte ihre Rosinen herauspicken können. Die Kontinuität des Gedankengangs ist durch Zusammenfassungen und Zwischenresümees sichergestellt. Traditionelle LeserInnen werden deshalb bei einer linearen Lektüre auf Redundanzen stoßen. Aufgrund des Praxisbezugs und der durchwegs eingängigen Schreibweise bleibt die ursprünglich als Dissertation am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin entstandene Arbeit bei allen theoretischen Bezügen (ob zur Systemtheorie oder zum Konstruktivismus)sehr gut lesbar. Prädikat: sehr empfehlenswert. E. Sch.

 

Neuhaus, Christian: Zukunft im Management. Orientierungen für das Management von Ungewissheit in strategischen Prozessen. Heidelberg: Carl-Auer Verl., 2006. 576 S., € 44,95 [D], 47,95 [A], sFr 78,70

 

ISBN 978-3-89670-376-7