In der Antike waren Priester angehalten, die Zukunft anhand der Leber geopferter Tiere zu deuten. Ein archaisch-unzeitgemäßes Ritual will uns scheinen, und doch ist der zivilisatorische Schritt hin zur Deutung des Vor-uns-Liegenden durch den Blick auf unsere Nahrung bzw. Ernährungsgewohnheiten nur ein kleiner. Wer ein derart altbackenes Wort wie „Nahrung“ verwendet, schwimmt, so scheint es gegen den (Zeit-)Strom, denn „Food-Trends“, so eröffnen die beiden Autorinnen ihren appetitanregenden Bericht, „sind zuverlässige Seismographen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. (…) In ihnen spiegeln sich neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Gesundheit, Globalisierung, Neo-Ökologie, New Work oder Individualisierung wider.“ (S. 6) So hat etwa die wechselseitige Durchdringung von Märkten und Kulturen einerseits zur Folge, dass fast 50 Prozent der Restaurant- und Gaststättenbesucher (wohl nicht nur) in Deutschland  „ausländische Gerichte“ wählt, dass aber andererseits die Stärkung der Regionen mit kulinarischen Angeboten einhergeht (dem entsprechend fassen die Autorinnen den Wunsch nach Einzigartigkeit und Qualität aus der Region als „100-Meilen-Diät“ zusammen). Qualität und Umweltbewusstsein, so zeigt eine aktuelle Umfrage, sind immer weniger eine Frage des Alters oder des Einkommens, sondern avancieren zur „Gretchenfrage“ der LOHAS: Nicht weniger als 97 Prozent der über 60-Jährigen wünschen sich Produkte, „die keine langen Transportwege hinter sich haben; für 80 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter 1000 Euro wäre die CO2-Bilanz der angebotenen Waren ein wichtiger Aspekt der Kaufentscheidung (wie lange werden wir auf eine entsprechende Kennzeichnung noch warten müssen? W. Sp., vgl. S. 16f.). Mit „Convenience 2.0“ umschreiben Kirig/Rützler „die Metamorphose der Tütensuppe zum Lebens-Qualitäts-Mittel“. Gefrorenes, nein „Chilled Food“, so heißt es, stillt die Sehnsucht nach Natur und Frische und hat sich längst vom Premium- zum Discounter-Produkt ‚gemausert’ (9 von 10 Deutschen essen Fertiggerichte, 16 Prozent davon sogar häufig). Dass dieser Trend zur Renaissance der Nahversorger, aber auch zu „Rund-um-die-Uhr-Anbietern“ beiträgt, scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. „New Fusion Food“ beschreibt u. a. den Aufstieg Asiens zum wichtigsten Impulsgeber der „Systemgastronomie“, was sich auch im Erscheinungsbild  europäischer Städte abzeichnet: Sushi-Läden, fernöstliche Suppen-Küchen und indische, thailändische oder chinesische Restaurants haben die US-Konkurrenz hinter sich gelassen. Weitere Kapitel widmen sich (nicht ohne die „Sen-satt-ion“ zu bemühen) der „neuen Lust am Kochen“ (einschlägige TV-Sendungen werden von etwa 80% der Bevölkerung „konsumiert“), dem „Bedürfnis nach Transparenz, Vertrauen und Sicherheit“ („Trusted Food“) –  der Umsatz von Fair-Trade-Produkten hat allein im Jahr 2006 gegenüber dem Jahr zuvor um 50 Prozent zugelegt – und dem Verlangen nach „Ess-Thetik“: Dass Nahrungsmittel zunehmend im Luxusdesign angeboten werden, entspricht dem Trend zu Genuss und Luxus: Einkaufserlebnis und Qualität haben den Preis als wichtigste Konsumentenkriterien hinter sich gelassen. In Zukunft – so eine weitere These – wird Nahrung  vor allem auch ihres Mehrwerts wegen konsumiert: Fast 42 Prozent der deutschen Bevölkerung halten Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Zusatzmitteln „für eine gute Sache“(was die Autorinnen gar von einer zukünftigen „Molekulargastronomie“ sprechen lässt). Das Spektrum reicht dabei von „Superfood“ (dem „natürlichen Functional-Food“), über „Spiritual Food“ und „Functional Food“, bis hin zu „Customized Food“, dem maßgeschneiderten Angebot. Abgerundet wird der Band – man kennt dies schon aus anderen Publikationen aus dem Zukunftsinstitut – durch eine zusammenfassende Typologie: Ob Sie sich, geschätzte/r Leser/in, unter den „Foodies von morgen“ bzw. den insgesamt sieben präsentierten Ernährungsprofilen wieder finden, darf der Rezensent ihrer Entscheidung überlassen: Zur  Auswahl stehen u. a. der „Garfield-Gourmet“, der „Prot-Esstler“, der „Besser-Esser“ und der „Food-Fobiker“. Jedem dieser Profile ist ein „Konsummuster“ („Wo kauft er ein?“, „Wo geht er essen?“) zugeordnet, was primär den Unterhaltungswert erhöht, aber nur bedingt der Selbstfindung dient. Mit zehn recht allgemein gehaltenen „Rezepten“ für die „Food-Märkte der Zukunft“ schließt dieser Titel. Die Komposition von durchaus interessanten Daten und Fakten, garniert mit einer (Über)Fülle von Floskeln fügt sich zu bedingt empfehlenswertem Lesegenuss – aber auch dieses Urteil ist nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks. W. Sp.

 

Kirig, Anja; Rützler, Hanni: Food-Styles. Die wichtigsten Thesen, Trends u. Typologien f. d. Genussmärkte. Kelkheim: Zukunftsinst., 2007. 127 S. € 220,- ISBN 978-3-938284-34-6 Bestellung: www.zukunftsinstitut.de