Hat die Krise der vergangenen Monate das Vertrauen in die herrschende Form des Wirtschaftens erschüttert? Jutta Ditfurth würde das auf jeden Fall begrüßen. Ditfurth, einst Mitbegründerin und Bundesvorsitzende der deutschen Grünen, legt mit ihrem neuen Buch „Zeit des Zorns“ eine radikale Kritik der bestehenden Verhältnisse vor und sagt, wie diese zu bekämpfen seien.

 

Für Ditfurth ist die aktuelle Rezession nicht das große Thema. „Nichts, was wir am Kapitalismus beklagen, ist zu bändigender ‘Missbrauch’ oder zu korrigierende ‘Randerscheinung’“ (S. 17). Es sei ein Mythos, dass der Kapitalismus durch staatliche Regulierung krisenfrei werden könne, die aktuellen Rettungsprogramme der Staaten brächten vielmehr eine gigantische Umverteilung von unten nach oben (S. 64). Der Kapitalismus sei „nicht reformierbar, aber er ist enorm wandlungsfähig, selten zum Vorteil der Menschen. Manchmal fallen dabei humane Nützlichkeiten ab. Die nennt man Fortschritt. Ist unser Maß aber nicht der Vergleich zu früher – früher war die Kindersterblichkeit größer, früher gab es keine Krankenversicherung –, sondern nehmen wir als unseren Maßstab, was an Freiheit, Glück, Entfaltungsmöglichkeiten, Gesundheit, Selbstbestimmung für den Menschen unter heutigen Verhältnissen, auf dem

 

heutigen Stand der technologischen Entwicklung, möglich wäre, sieht die Sache schon ganz anders aus“ (S. 17). Soziale Probleme führen aber nicht zum Aufstand, weil die Menschen durch Billigkonsum befriedet, durch „Propaganda über die realen Zustände getäuscht“, überwacht und unterdrückt würden (S. 32f.). Mit autoritären und repressiveren „Reformen“ werde in den Staaten der Europäischen Union die bürgerliche Demokratie immer hastiger zerstört (S. 162). Ditfurth will den Kapitalismus überwinden, die im deutschen Bundestag vertretenden Parteien seien allesamt dafür selbst als Bündnispartner unbrauchbar. Sie setzt auf die Protestbewegungen gegen die „Migranten, Subproletarierinnen, Straßenkinder, Facharbeiter, Schüler, Studentinnen, Leiharbeiterinnen, Künstler, Hartz-IV-Empfänger, Intellektuelle – was die Sache ein bisschen mühsamer macht, aber auch ziemlich interessant.“ (S. 230)

 

Das Buch ist leicht lesbar, es wird dem Untertitel „Streitschrift“ gerecht. Ihre Argumentation versucht sie mit Beispielen und persönlichen Geschichten (be)greifbar zu machen. Wir treffen unter anderem einen zornigen Busfahrer, einen arbeitslosen Germanistik-Studenten und stehen vor einem vernagelten Haus in Cleveland. Das Buch ist radikal und einfach, so wie „zornige Abrechnungen“ eben sind. Und genau eine solche, so der Klappentext, sei das Buch.

 

Der Text bietet keine tiefgreifenden wirtschaftlichen Analysen, keine detaillierten Auseinandersetzungen mit Fragen, wie Meinungsführerschaft funktioniert, und auch keine genauen sozialen Untersuchungen. Überraschende Neuigkeiten bleiben auch denjenigen erspart, die sich mit politischer Theorie beschäftigen. Das Buch fasst einiges zusammen, was in der deutschen radikalen Linken vor allem nach 1989 entwickelt wurde. Zum Beispiel stellt sich Ditfurth gegen die populäre Trennung von negativem, „raffenden Finanzkapital“ einerseits und positivem „rheinischen Kapitalismus“ andererseits und verweist auf die antisemitischen Stereotype, die aus dem Argument herausgelesen werden könnten. Man kann das Buch als Dokument der aktuellen Systemkritik lesen. Das wiederum ist aber nicht das Ziel der Autorin. Sie will nicht den Stand einer bestimmten Denkrichtung dokumentieren. Sie will mobilisieren. S. W.

 

Ditfurth, Jutta: Zeit des Zorns. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft. München: Droemer, 2009. 272 S., € 19,95 [D], 17,50 [A], sFr 29,90

 

ISBN 978-3-426-27504-7