Felix Ekardt: Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und RevolutionAutoren wie Ulrich Brand („Imperiale Lebensweise“, PZ 2017/4) oder Fabian Scheidler („Chaos“, PZ 2018/1) fordern einen grundlegenden Systemwechsel unter Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Der Rechtswissenschaftler Felix Ekardt sucht hingegen nach Antworten für die ökologische Transformation „jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution“, wie er provokant im Titel seines neuen Buches formuliert. Systemkritik sei wie der „Dauertalk über Nachhaltigkeit“ (S. 9) folgenlos, da sich dadurch nichts ändere. Ekardt setzt beim Menschen an: „Veränderung versteht, wer die Antriebe menschlichen Verhaltens versteht. Und Gesellschaften versteht, wer einzelne Menschen versteht.“ (S. 11) Während die Grundstruktur menschlicher Gefühle und die „überwiegend eigennützige Ausrichtung unseres Tuns und Lassens“ (S. 10) kaum verändert werden könnten, seien Werthaltungen und Normalitätsvorstellungen beweglich. Mehr Nachhaltigkeit im Klimaschutz scheitere bisher weniger an mangelndem Wissen als „vielmehr an überkommenen Vorstellungen von Normalität, an Gewohnheiten, Bequemlichkeit, Verdrängung und emotionalen Schwierigkeiten mit hochkomplexen und multikausalen Schädigungszusammenhängen“ (S. 11). Und dies bei BürgerInnen, Unternehmen und PolitikerInnen gleichermaßen.

Ekardt ist sich mit anderen einig, dass die Hauptursache für fehlende Nachhaltigkeit „ im Okzident hohe und auch in den Schwellenländern steigende Wohlstand“ (S. 28) liege. Er plädiert daher auch für eine Postwachstumsperspektive mit hohen Suffizienzanteilen. Der Faktor „Kapitalismus“ werde jedoch meist überschätzt und Konkurrenz sei im Menschen angelegt, so provokante Ansagen des Autors: „Kooperation setzt weit überwiegend auf engabgesteckte, direkte oder indirekte Reziprozität“ (S. 93).

Ekardt setzt auf Evolution in der Wechselwirkung der Akteure in Politik, Unternehmen und Gesellschaft, was ein Wesensbestandteil in der „gewaltenteiligen Demokratie“ (S. 101) sei. Dazu brauche es keinen erzieherischen Staat, sehr wohl aber die Beschränkung der Selbstbestimmung, wenn jene von anderen gefährdet ist. Eine „ernsthafte Energie- und Klimawende“ sei daher nicht bevormundend, „sondern ermöglicht erst Freiheit langfristig und weltweit durch klare Rahmensetzungen und Spielregeln“ (S. 109), so der Rechtswissenschaftler, der nun doch auf staatliche Vorgaben pocht. Der „Kollektivgutcharakter“ von Ökosystemleistungen erfordere verbindliche Rahmensetzungen – Ekardt plädiert für eine „schrittweise Verknappung und damit Verteuerung  von fossilen Brennstoffen“ (S. 111) und für „Ökozölle“ (S. 127), er hofft aber auch auf einen Wertewandel, eine Veränderung der Eigennutzenkalküle und neue Normalitätsvorstellungen. Was unterscheidet aber nun den Autor von anderen NachhaltigkeitsexpertInnen? Vielleicht, dass er auf viele kleine Schritte und ein Wechselspiel aller Akteure setzt nach dem Motto: „Salamitaktik statt Revolution“, denn Menschen seien lernfähig, allerdings weniger, „als optimistische Pädagogen meinen.“ (S. 128) Was dabei freilich unterbelichtet bleibt, ist die Frage, ob die Überwindung politischer Blockaden, ökonomischer Machtkonzentration und antidemokratischer Tendenzen allein mit Wertewandel und „Salamitaktik“ zu erreichen sein werden. Hans Holzinger

 

Bei Amazon kaufenEkardt, Felix: Wir können uns ändern. Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution. München: oekom, 2017. 156 S., € 14,95 [D], 15,40 [A] ; ISBN 978-3-96006-843-0