Ein erfolgreiches Wirtschaftssystem muss sich daran messen lassen, wie weit es die Befriedigung der Grundbedürfnisse der gesamten Bevölkerung sicherzustellen vermag. Die Ansätze für erfolgreiche Entwicklung werden dabei unterschiedlich akzentuiert. Während die einen auf die Förderung einer naturangepassten Agrarförderung setzen, plädieren andere für die Integration der Länder des Südens in globale Güterketten mit dem Ziel, Wertschöpfung durch „Upgrading“ zu erzielen. Eine wichtige Rolle wird dabei transnationalen Unternehmen zugeschrieben. Wieder andere sprechen von einer Weltsozialpolitik. Hans Holzinger stellt neue Publikationen dazu vor.

 

Ernährungssouveränität

 

Eine besondere Form der Regionalwirtschaft stellen Bemühungen für Ernährungssouveränität dar. In den reichen OECD-Staaten mit ihren hochsubventionierten Landwirtschaften spielt Nahrungsknappheit keine Rolle mehr – im Gegenteil, eher wird Überproduktion zum Problem. Anders in den Ländern des Südens, in denen mittlerweile knapp eine Milliarde Menschen als chronisch unterernährt gilt. Während die einen auf Effizienzsteigerung durch die Grüne Revolution mittels hochgezüchtetem Saatgut, Monokulturen, Kunstdüngereinsatz – und zuletzt auch Gentechnik – setzen, mehren sich die Stimmen jener, die in naturangepassten Anbaumethoden und lokal orientierten Kleinlandwirtschaftsbetrieben den Übergang zu dauerhaften Erträgen sowie den geeigneteren Weg zur Überwindung der Nahrungsmittelknappheit sehen. Zu ihnen zählen etwa die AutorInnen des Weltagrarberichts 2009 (www.weltagrarbericht.de), aber auch offizielle Dokumente der Europäischeen Union, wie die Schlussfolgerungen „Ernährungssicherheit und Politikkohärenz“ (http://register.consilium.europa.eu/pdf/de/09/st12481.de09.pdf) sowie die European Charter on Development cooperation in support of Local Governance (www.localgovernance-coop-charter.eu).

 

Vorgestellt werden diese Ansätze einer sanften Landwirtschaft in dem Band „Wie wir überleben. Ernährung und Energie in Zeiten des Klimawandels“, der vom Wiener Institut für Umwelt und Friede (IUF) herausgegeben wurde. „Die herrschenden landwirtschaftlichen Produktions- und Ernährungsmuster zerstören die lebenserhaltenden Ökosystemleistungen, tragen zum Klimawandel bei und perpetuieren darüber hinaus den Hunger in der Welt.“ Damit fasst Petra Gruber vom IUF den Tenor der internationalen Beiträge zusammen.

 

Wolfgang Sachs kritisiert einmal mehr die an den Akkumulationsinteressen ausgerichtete Welthandelspolitik sowie deren fatale Folgen für die Ernährungssituation: „Während beispielsweise Indonesien vor gut zehn Jahren noch ein blühendes Agrarwesen aufwies und praktisch die Selbstversorgung erreicht hatte, stieg im Gefolge der Handelsliberalisierung die Gesamteinfuhr an Lebensmitteln stark an.“ (S. 32) Der Experte des Wuppertal-Instituts fordert „Weltbürgerpflichten“ (S. 29) und fordert eine an den „Existenzrechten“ orientierte Welt(handels)politik. Rudolf Herren, Präsident des Millenium Project und Mitautor des Weltagrarberichts, plädiert für eine angepasste Mechanisierung der Landwirtschaft, für faire Preise sowie Rechtssicherheit bezüglich Landnutzungsrechten. Unzählige Studien würden belegen, „dass Kleinbetriebe pro Fläche höhere Erträge erzielen als Großfarmen“ (S. 65), die Kleinbäuerinnen und -bauern seien daher durchaus in der Lage, die Menschen in den Entwicklungsländern zu ernähren, „doch sie müssen dazu ermutigt und unterstützt werden“ (S. 64). Ein Befund, den auch der Entwicklungsexperte Uwe Hoering bestätigt: „Durch eine weitgehend biologische Landwirtschaft und verbesserte Anbaumethoden ließen sich ähnliche Produktivitätslevel erreichen wie durch kommerzielle, monokulturelle industrielle Landwirtschaft“ (S. 73), dies jedoch mit bedeutend besseren ökologischen und sozialen Outputs.

 

Gegenwärtig bieten lokale Lebensmittelsysteme weltweit für 2,5 Milliarden Menschen einen (mehr oder weniger ausreichenden) Lebensunterhalt, so berichten Petra Gruber und Michael Hauser in ihrem Plädoyer für eine globale biologische Landwirtschaft. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft sowie die Machtkonzentrationen seitens der Agrarindustrie und Handelsketten würden diese Strukturen aber weiter zerstört. Dass die Entwicklungszusammenarbeit auf die Stärkung von Ernährungssouveränität auszurichten ist, zeigt in der Folge Manfred Schnitzer an der EZA der Europäischen Union auf. Er fordert u. a. eine Dezentralisierung der EZA sowie eine Stärkung lokaler Eigeninitiative. Vorschläge für eine ökologisch sinnvolle Nutzung der Biomasse als Energieträger (Josef Hopplicher) sowie die Förderung lokaler Bioprodukte als Instrument der Regionalentwicklung auch in den Wohlstandsländern (Markus Schermer) beschließen den Band. H. H.

 

Wie wir überleben. Ernährung und Energie in Zeiten des Klimawandels. Hrsg. v. Petra Gruber. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich, 2010. 180 S.,  € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 42,30

 

ISBN 978-3-86649-296-7