„Wende überall? Von Vorreitern, Nachzüglern und Sitzenbleibern“ – so das Thema des Jahrbuchs Ökologie 2013. In bewährter Manier – und das heißt hier auf höchstem Niveau – werden darin Befunde und Trends aus den zentralen Nachhaltigkeitsfeldern Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Ernährung, Wirtschaft und Wissenschaft analysiert und Transformationspotenziale ausgelotet. Ähnlich wie die AutorInnen von Globale Trends (s. o.) warnt einleitend Christoph Bals von Germanwatch davor, die mageren Ergebnisse von „Rio 2012“ als Anlass für die Abkehr von globalen Verhandlungen zu nehmen. Dies würde bedeuten, „endgültig das Recht der Stärkeren an die Stelle des – ohnedies schwachen – Völkerrechts zu setzen und die nationalen Regierungen aus der Pflicht zu lassen.“ (S. 15) Durchaus Erfreuliches wird von der Energiewende berichtet – der Begriff gilt mittlerweile in den USA als deutsches Spezifikum und wurde ähnlich wie „Kindergarten“ und „Rucksack“ ins eigene Vokabular aufgenommen. Peter Hennicke und Dorothea Hauptstock vom Wuppertal Institut kommen in einer vergleichenden Analyse einschlägiger Energieszenarien zum Schluss: „Eine Reduktion von C02 um 80 Prozent bis zum Jahr 2050 ist in Deutschland auch ohne Atomenergie technisch und wirtschaftlich möglich“ (S. 25) Auch den bisher eingeleiteten Veränderungsschritten, allen voran dem Erneuerbare-Energie-Gesetz, wird ein positives Zeugnis ausgestellt. Anders ist dies hinsichtlich der Verkehrs- und Ernährungswende, wo trotz erfolgreicher Nischenakteure noch kein Paradigmenwechsel in Sicht ist. Martin Held und Jörg Schindler fordern von der Politik klare Signale für eine Verkehrswende nach dem Motto: „Von der fossilen Verkehrspolitik zur postfossilen Mobilitätspolitik“ (S. 48) Weert Canzler und Andreas Knie entwerfen das Zukunftsbild einer „integrierten Elektromobilität“, in der ein moderner Öffentlicher Verkehr mit E-Autos, Pedelecs und Elektroroller kombiniert würde. Nicht mehr der Besitz, sondern die Verfügbarkeit über Fahrzeuge würde in Zukunft – abgewickelt über eine einfach zu handhabende Mobility-Card – die zentrale Rolle spielen, so die Experten. Als neue Zielgruppe machen sie insbesondere die „technologie- affinen Urbaniten“ der jüngeren Generation aus, bei denen der Anteil der PKW-Neuzulassungen drastisch sinke (S. 53). Hinsichtlich Ernährungswende beklagt Franz- Theo Gottwald, dass über die bekannten Nischen der Biolandwirtschaft hinaus die grundsätzliche Umstellung noch ausstehe – sowohl in Deutschland als auch weltweit. Ähnliches gilt für die Wirtschaft insgesamt bzw. für den produzierenden Sektor. Stefan Schaltegger und Erik G. Hansen skizzieren erste Erfolge an den Beispielen Textil- und Energiebranche. Uwe Schneidewindund Hans-Jochen Luhmann fordern in der Folge eine Transformation des Wissenschaftssystems in zwei Richtungen: Durch „Transformationsforschung“ sollen die Bedingungen, Hürden und Chancen für den Wandel untersucht werden; und „transformatorische Forschung“ soll Wandlungsprozesse aktiv befördern, was neue Prioritätensetzungen auch in der Wissenschaftslandschaft und deren finanziellen Dotierungen erfordere. Parallel dazu werden von Gerd Michelsen„Transformationsbildung“ – als Verstehen-Lernen von Wandungsprozessen – sowie „transformative Bildung“ vorgeschlagen. Notwendig hierfür sei die Verankerung von Nachhaltigkeit in der LehrerInnenausbildung ebenso wie in Lehrmaterialien. Weitere Beiträge gelten spezifischen Aspekten der Nachhaltigkeit wie der Rolle von „Umwelt-Think Tanks“, neuen Finanzallianzen und den Chancen und Grenzen von „Green Economy“, häufig zu wenig beachteten Problemen wie dem Flächenverbrauch, der Nahrungsmittelverschwendung, den Schiffsemissionen und der Meeresverschmutzung. Wie immer werden auch diesmal konkrete Projekte wie eine CO2-neutrale Universität, Initiativen für „Energie in Bürgerhand“, ein erstes Solarflugzeug sowie die Umweltinstitutionen „Nova-Institut für Ökologie und Innovation“, „Grüne Liga e. V. – Netzwerk ökologischer Bewegungen“ und „Slow Food Deutschland e. V.“ vorgestellt. Besonders eingegangen sei noch auf einen Beitrag des Sozialwissenschaftlers Davide Brocchi, der auf die begrenzten Krisenreaktionspotenziale von Gesellschaften eingeht. Krisen deutet der Autor als „Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit“ (S. 131), was am Verhalten der Europäer im Sommer 1939 kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs ebenso abzulesen sei wie am Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2008. In beiden Fällen herrschte weitgehende Verdrängung. Im Sommer 1939 gingen die meisten Menschen auf Urlaub, „wie an jedem warmen Sommer davor“ (S. 130) und Warnungen wie das 2003 erschienene Buch „The Coming Crash in the Housing Market“ oder der 2006 erschienene Titel „Der Crash kommt“ wurden einfach ignoriert. Brocchi sieht vier Hürden für komplexe Wahrnehmung: Menschen können nicht die ganze Wirklichkeit wahrnehmen, sie wollen es nicht (z. B. Konformitätszwang), sie müssen es nicht (Arbeitsteilung, Macht) und viertens sie dürfen es nicht (Geheimhaltung wichtiger Dinge, Ablenkung durch Unterhaltung und „tittytainment“). Wie lässt sich nun die Wahrnehmungsfähigkeit schärfen? Brocchi spricht von „gesellschaftlichen Sinnesorganen“, die die Wachsamkeit und das „Empfinden des Schmerzes“ (S. 135) fördern und nennt fünf Gruppen: die Zivilgesellschaft, die Künste, die Natur- und Geisteswissenschaften einschließlich eines investigativen Journalismus, des Weiteren die Migranten (!) als „Botschafter anderer gesellschaftlicher, kultureller und ökologischer Realitäten“ sowie schließlich Pioniere und Subkulturen als „gesellschaftliche Labors“ (S. 135). Notwendig sei eine „Kulturwende“ (s. Beitrag Heike Leitschuh, S. 16), denn der „Hyperkonsum, die Hyperinformation, die Leistungsgesellschaft oder die Erlebnisgesellschaft“ hätten die menschlichen Grenzen nicht erweitert, sondern das menschliche Leben verstopft: „Viele Menschen haben keine Zeit und keine freien Räume mehr für echte Veränderungen.“ (S. 136) Brocchi fordert daher dreierlei: eine De-Globalisierung, die das Leben wieder überschaubarer macht, eine De-Virtualisierung, die die sinnliche Wahrnehmung schärft, sowie schließlich eine De-Medialisierung, die tatsächliche politische Partizipation vor ledigliches Informiert- Werden als Zuschauer des Geschehens stellt. Konzepte wie die Rückkehr zum menschlichen Maß (Kohr, Schumacher) oder einer Postwachstumsökonomie (Paech) würden damit in den Vordergrund treten. Oder wie es Heike Leitschuh in ihrem Beitrag über die Notwendigkeit neuer „Deutungseliten“ formuliert: „Mut zu Emotionen, Nachhaltigkeit Gesichter geben und die Aussicht auf mehr Lebensqualität adressieren!“ Ein in der Tat spannender Ansatz! H. H.  

 

Wende überall? Von Vorreitern, Nachzüglern und Sitzenbleibern. Jahrbuch Ökologie 2013. Red. Udo Ernst Simonis. Stuttgart: Hirzel 2012. 256 S., € 21,90 [D], 22,60 [A], sFr 30,70 ISBN 978-3-7776-227810