Brisantes enthält auch ein anderer Atlas, von dessen Namen man sich nicht abschrecken lassen sollte, der „Beschissatlas“ von Ute Scheubund Yvonne Kuschel. Die Journalistin Scheub hat eine Vielzahl an „Zahlen und Fakten zu Ungerechtigkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt“ – so der sachliche Untertitel – zusammengetragen. Die Künstlerin Kuschel hat diese mit anschaulichen wie bissig-witzigen Illustrationen versehen. So versucht gleich auf den ersten Seiten eine besorgte Frau den Planeten in ihren Armen zu schützen, während über ihr riesige Atombomben drohen. Das „Dorf Welt“ wird anhand von hundert Menschen dargestellt, die zunächst nur als 100 Menschen erscheinen, dann etwa als 61 Asiaten, 15 Afrikaner, 11 Europäer und 13 Amerikaner oder als 89 Heterosexuelle und 11 Homosexuelle oder als 51 Normalgewichtige, 14 Hungernde, 14 Mangelernährte, 14 zu Dicke und 7 Fettleibige. 12 Formen von „Beschiss“ werden insgesamt ausgeführt – vom „Ernährungs- und Arbeitsbeschiss“ über den „Verteilungs- und Verschuldungsbeschiss“ sowie dem „Geschlechter- und Migrationsbeschiss“ bis hin zum „Demokratie-, Natur-, Klima-, Verkehrs-, Rüstungs- und Glücksbeschiss“. Mit frappanten Vergleichen und Rechenbeispielen werden die Absurditäten des gegenwärtigen Zustandes der Welt anschaulich gemacht: „Wer 1 Milliarde Euro besitzt, muss bei einer Jahresverzinsung seines Vermögens von 5 % täglich 137.000 Euro ausgeben, um NICHT reicher zu werden“, so ein Beispiel (S. 60). „In den USAkontrolliert 1 % der Reichsten etwa 90% allen Vermögens“, so ein anderes, das den Slogan der Occupy Walls Street-Bewegung „Wir sind die 99 Prozent“ begründet hat (S. 65). Unter der Frage „Wer hat den längsten?“ werden die Yachten der Milliardäre vorgestellt: Jene von Roman Abramowitsch misst 162,5 Meter „und damit 50 Zentimeter mehr als das Boot des Emirs von Dubai“ (ebd.). Ökonomische Zusammenhänge werden gut verständlich erklärt: „Schulden sind Umverteilungsmaschinen zugunsten der Besitzenden.“ (S. 72) Dass Reichere auch hinsichtlich Bildungs- und Karrierechancen bevorzugt sind, wird ebenso erhellt wie deren längere Lebenserwartung: „Hier tun die Armen den Reichen den Gefallen, zwischen 8 und 11 Jahren früher zu sterben und den Begüterten so indirekt ein längeres Leben mit einer üppigeren Rente zu ermöglichen.“ (S. 69) Ein letzter Vergleich: „Der reguläre Jahresetat der Vereinten Nationen betrug 2010/2011 2,6 Milliarden Dollar - nur wenig mehr, als das US-Militär an einem Tag kostet.“ (S. 176). Doch nicht nur Schändlichkeiten werden aufgezeigt; jedes Kapitel endet mit einem Abschnitt „So kann es auch gehen“. H. H.

 

  Kuschel, Yvonne; Scheub, Ute: Beschissatlas. Zahlen und Fakten zu Ungerechtigkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. 208 S. € 19,99 [D], 20,60 [A], sFr 28,50 ; ISBN 978-3-453-28037-3