Am üblichen Maß des philosophierenden Zynikers gemessen, geht Sioterdijk zu Beginn dieser Anfang Dezember 1989 gehaltenen, und hier in erweiterter Form vorgelegten Rede fast zurückhaltend auf die "jüngsten deutschen Tränen" an der Berliner Mauer ein, die nach 42 Jahren das Ende des "Nachweltkriegs" signalisieren. Den Weg dorthin von "westdeutscher Konsumkulisse" und „Staatsbürgerverwahrungsanstalt Ost" zeichnet der Autor aus der Perspektive des „Nachmitternachtkindes", das, 1947 geboren, doch das Gefühl hat, "mitten aus diesem Krieg zu stammen, ... in dem deutschen Versprechen und Verbrechen eins wurden". Das Dilemma verdrängenden Schweigens und die Probleme seiner Generation ("die sich versprach, nicht zuviel zu versprechen") beleuchtend, bietet der Autor im Folgenden eine "Landeskunde von oben und innen", um überzeugend zu zeigen, dass "die Selbstzurechnung von Menschen zu Territorien künftig wie eine willkürliche Besessenheit wirken muss". Deren Ergebnis ist ein gewaltiges Geiseldrama, das den Titel "Menschheitsgeschichte" trägt; "sie läuft hinaus auf die Geiselnahme der Schwachen durch die Starken; die Gängelung der beliebigen Vielen, die Geschichte erleiden, durch die ausgewählten Wenigen, die Geschichte machen; die Überwältigung der Zurückhaltenden, der Selbstgenügsamen, der Bewahrenden durch die Angreifenden, die Hervortretenden, die Verbrauchenden" .  Dagegen bleibt die Nation als geneologische Denkform bestehen. Für Deutsche bedeutet dies vor allem auch, " ... bessere Versprechen zu machen - Versprechen, die ohne Selbstzerstörung der Sprecher zu halten wären". 

Sioterdijk, Peter: Versprechen auf Deutsch. Rede über das eigene Land. Frankfurt: Suhrkamp 1990. 825., DM 10,- / sFr 8,60 / öS 78