Leben wir nicht in einer Welt, die mehr und mehr dazu übergeht, "das Schwergewicht von Schönheit und Wahrheit auf Bequemlichkeit und Glück zu verlegen"? Sehnen wir uns nicht - zuweilen - nach dem "Glück der optimalen Spannungslosigkeit, die organisierte Kommunikation im Berufs- und Privatleben, verknüpft mit Produktions- und Freizeittechnik gewährleisten"? Nein, noch gibt es Aldous Huxleys Utopie vom Land des Überflusses und der selbstgewählten Tyrannei nicht, aber Herwig Büchele, Jesuit und Sozialethiker an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, macht auf ebenso faszinierende wie beklemmende Weise deutlich, daß unsere Gesellschaft "Strukturierungstendenzen in Richtung Schöne neue Welt" aufweist. Durch Technik angepaßte Menschen, Pluralismus ohne tragende Werte und eine Synthese von Hedonismus und Rigorismus lassen nach Büchele bei bloß konsequenter Fortsetzung alltäglicher Krisen den von Huxley angesprochenen Weltbürgerkrieg sehr nahe rücken, in dessen Folge die Weichen neu gestellt wurden. Mehr noch: Die Antworten der aktuellen Politik, die vielfach im Gewande der Glücksspenderin auftritt, sind gleichermaßen trügerisch wie bezeichnend, verleiten sie doch zur Delegierung von Verantwortung, bis letztlich "die sanfte Diktatur als Ausweg aus den Leiden und Kämpfen des eigenen Lebens" erfahren und begrüßt wird. Was ist zu tun? Büchele, der übrigens das düstere Gegenbild George Orwells für weit weniger aktuell hält als Huxleys Weltregierung mit der Glückseligkeitsdroge, setzt auf den Mut zum Widerstand. Die "Andere neue Welt" ist geprägt von der Erfahrung, daß das Lernen in sozialen Netzen auch erfolgreich ist. Die Paradigmen einer lebenswerten selbstbestimmten Gesellschaft sind "Kommunikation vor Technik", die "Erkennung der Wirklichkeit als Freiheit" und die" Rehabilitierung der Vernunft vor dem Verstand". Dem Autor ist beizupflichten, daß auf Grundlage einer Ethik des Teilens "geschwisterliches Leben" gestaltbar wäre; in der Radikalität Jesu aber, wie zuletzt angedeutet, wird dies indes auf dieser Welt nicht zu schaffen sein. W Sp.

Büchele, Herwig: Sehnsucht nach der Schönen neuen Welt. Thaur: Kulturverl., 1993.436 S. DM 38,-1 sFr. 32,-1 öS 298,