Der politischen Identitäten viele hat Österreich im 20. Jahrhundert überdauert, von der Monarchie über die 1. Republik, den Ständestaat und das 3. Reich bis hin zur 2. Republik. Diese Wechsel mögen mit eine Ursache für das Sich-nicht-festlegen-Wollen, das Hin-und-Herlavieren zwischen Gegensätzlichem sein, das Prinzip des" Entweder-und-Oder", wie es Menasse bezeichnet. Für diese "unerträglich sich spreizende Verrenkung, mit der versucht wird, von jeder Seite des Widerspruchs ein Zipfelchen zu erhaschen", gibt es viele Beispiele aus der Praxis. So behielt man "die nationalsozialistische Legislation weitgehend in Kraft, während man entnazifizierte. Man entnazifizierte und buhlte gleichzeitig unverhohlen um die Stimmen der ehemaligen Nazis ... , man rekurrierte auf die Leistungen der Habsburgermonarchie als identitätsstiftenden Faktor und beschloß die Habsburgergesetze". Ebenso ein Prinzip, Konturen zu verwischen und der Realität zu entfliehen, ist das der Selbstdefinition über Symbole. Die Symbole, die die Realität in diesem Land spiegeln, übernehmen zumeist die Funktion, diese gleich zu ersetzen. Der Reigen reicht von der Diskussion um die Kfz-Kennzeichen bis zum Staatswappen. So ortet Menasse die hintergründige Bedeutung der Diskussion, ob unsere Autos mit schwarzen oder weißen Nummerntafeln versehen sein sollen, in dem Bestreben, diese an die EG-Normen anzupassen. Die heftige Emotionalität, mit der diese Debatte geführt wurde, läßt sich aus dem Symbol alleine nicht erklären, wohl aber aus dem hintergründigen Bezugssystem. Die österreichischen verdrängten und nicht diskutierten "Anschlußgelüste" sind nach Ansicht des Autors auch im Staatswappen enthalten. Dessen Genese läßt eine Reihe von Widersprüchen offenbar werden. So hat Renner im Zweifel an der Überlebensfähigkeit Österreichs die deutschen Nationalfarben Rot, Schwarz, Gold (schwarzer, rotgezüngelter Adler mit goldenen Attributen) durchgesetzt. Symbolbezüge als literarisches Verfahren wählt Gerhard Fritsch im Roman "Katzenmusik". Der Punschkrapfen als Symbol für die 2. Republik, der sich außen rosa und innen braun darstellt, dessen Fülle aus mit Alkohol getränkten Resten besteht, entfaltet im Verweissystem des Romans eine ironisch gestaltete, beklemmende Beziehung zur Realität. Weitere Analysen von literarischen Äußerungen der Autoren Lebert, Kerschbaumer, Gstrein und Innerhofer fördern Seismographien der österreichischen Identitätsproblematik zutage. . In Anlehnung an Musil hat Menasse ein geistreiches Kaleidoskop der österreichischen Befindlichkeit gestaltet, das in der kritischen Analyse des Vergangenen zugleich Perspektiven der Zukunftsgestaltung erschließt. G. K.

Menasse, Robert: Das Land ohne Eigenschaften. Essay zur österreichischen Identität. Wien: Sonderzahl, 1992. 128 S., DM 16,40/ sFr 13,90/ öS 128,-