Thomas Chatterton Williams

Toxische Gerechtigkeit

Ausgabe: 2026 | 4
Toxische Gerechtigkeit

Thomas Chatterton Williams liefert in seinem Buch „Toxische Gerechtigkeit“ eine ebenso tiefgreifende wie schonungslose Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA. Als aufmerksamer Beobachter, der sein Leben in den Vereinigten Staaten und in Frankreich verbringt, nimmt er eine überaus aufschlussreiche Perspektive ein. Williams ist selbst der Sohn eines Schwarzen aus dem noch stark von der Rassentrennung geprägten amerikanischen Süden und zugleich der Nachfahre versklavter Afrikaner sowie europäischer Einwanderer.
Sein chronologischer Ausgangspunkt in diesem Werk ist das Jahr 2008 mit der Wahl Barack Obamas, die vielen damals als historischer Meilenstein der endgültigen Überwindung des tief verwurzelten Rassismus in den USA galt. Den harten Kontrast dazu bildet in seiner Untersuchung das Jahr 2020: Nach der Verbreitung des Videos vom Tod George Floyds wurde der Öffentlichkeit unmissverständlich klar, dass der Rassismus keineswegs überwunden war. Es folgten im Rahmen der „Black Lives Matter“-Proteste massive soziale Auseinandersetzungen, die vor dem ohnehin belastenden Hintergrund der globalen Covid-Pandemie weiter eskalierten. Erschwerend kam hinzu, dass die gesellschaftliche Kommunikation in dieser Phase immer intensiver über soziale Medien ausgetragen wurde, was die ohnehin angespannten Konflikte nur noch weiter anheizte.
Williams geht tief ins Detail dieser hitzigen Auseinandersetzungen ab 2020 und kritisiert vor allem die progressiven Teilnehmer:innen der großen Debatte, obgleich er sich selbst zu diesem Spektrum zählt. Sie hätten den Fehler begangen, keine positiven Gesellschaftsvisionen vorzustellen, mit denen alle Menschen etwas anfangen könnten. Der Kampf gegen Missstände habe vielmehr dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen in einfachen Identitätsgruppen eingeigelt hätten. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Akademisierung des Protestes: Der Aufstand gegen Rassismus sei in den USA rasch zu einer Angelegenheit der akademischen Berufsstände geworden. Dies führte zur kontraintuitiv wirkenden demographischen Gruppe der „POC Trump-Unterstützer“, für die umgehend abwertende Neologismen erdacht wurden. Williams bemüht hier ein Zitat von Slavoj Žižek: Diejenigen, die sich die Rolle der Anführer der Revolte aneigneten, seien in den meisten Fällen gerade nicht die brutal behandelten Opfer der rassistischen Unterdrückung gewesen.
Ein Versagen sieht der Autor auch bei maßgeblichen Institutionen, vor allem bei liberalen Medien und Universitäten. Im Rausch der ideologischen Überzeugung sei vergessen worden, dass absolute moralische Eindeutigkeit das Geschäft staatlich geleiteter Presseorgane und totalitärer Regierungen ist. Eine gesunde, tolerante und pluralistische Demokratie müsse jedoch zwingend für ein spannungsreiches Spektrum an Einstellungen, Konventionen und Sitten sorgen.
Als Gegenentwurf analysiert Williams ausführlich das französische Modell, das er als interessante Alternative zur multiethnischen Gesellschaft Amerikas betrachtet, da es die Gleichstellung aller Bürger:innen betont und Glaubens- sowie Herkunftsunterschiede ins Private verbannt. Er übersieht die Schattenseiten des französischen Modells jedoch nicht und weigert sich, von einer perfekten Synthese beider Ansätze zu sprechen. Jedoch könnten beide Systeme mit ihren Eigenheiten Korrektive für die Defizite des anderen liefern.