Jerry Z. Muller

The Tyranny of Metrics

Ausgabe: 2019 | 3

In den USA hat das Buch von Jerry Z. Muller Aufsehen erregt. Muller kritisiert die Obsession, menschliche Leistung zu quantifizieren. Er führt dafür den Begriff „metric fixation“ ein (S. 17). Diese Fixierung basiere auf drei Elementen: dem Glauben, dass standardisierte Daten Urteile auf der Basis persönlicher Erfahrungen ersetzen sollten; dass öffentliche Kennzahlen Einrichtungen zur Umsetzung ihrer Ziele bringen; und dass Belohnungen und Strafen in Bezug auf Kennzahlen zu Motivation in Organisationen führen. (vgl. S. 18)

Historisch findet der Geschichtsprofessor an der Catholic University of America verschiedene Quellen für diese Entwicklung. Er berichtet von Debatten über die Reform des Schulsystems der USA im 19. Jahrhundert. Der amerikanische Parlamentsabgeordnete Robert Lowe forderte, die Finanzierung von Schulen von den messbaren Erfolgen der SchülerInnen bei einer Prüfung zu Lesen, Schreiben und Arithmetik, zu der ein Inspektor anreist, abhängig zu machen. Schon damals wurde eingewandt, dass Bildung mehr sei als die formale Beherrschung dieser drei Fähigkeiten und dass vor allem in ärmeren Gegenden im 19. Jahrhundert weniger SchülerInnen antraten: Was kein Zeichen für die geringere Notwendigkeit an Ressourcen sei, im Gegenteil.

In der Geschichte der industriellen Produktion war der Taylorismus die Phase der Quantifizierung, Spezialisierung und Standardisierung der Produktion. Frederik Winslow Taylor sprach 1911 von „wissenschaftlichem Management“. Das führte Menschen an die Fließbänder und steigerte die Produktionsmenge von identen Produkten. Es folgte eine vergleichbare Strukturierung des Dienstleistungssektors und schließlich weiteten die Möglichkeiten der Computertechnologie die Quantifizierung der Arbeit weiter aus. In einem nächsten Schub diente die Quantifizierung von „Leistung“ dazu, Hierarchien zu rechtfertigen. Ab den 1960er-Jahren wurden Privilegien in westlichen Gesellschaften stärker hinterfragt, Daten lieferten Gründe für Ungleichheiten. Auch die neokonservative Kritik am Wohlfahrtsstaat ab dem Ende der 1970er-Jahre ergab Beweise für den Nutzen der staatlichen Strukturen, die in Form von Daten geliefert wurden, schreibt Muller.

Schon 1984 hielt Steven Levy fest: „The spreadsheet is a tool, but also a worldview – reality by the numbers. ... Because spreadsheets can do so many important things, those who use them tend to lose sight of the crucial fact that the imaginary business that they can create on their computers are just that – imaginary. You can‘t really duplicate a business inside a computer, just aspects of a business.“ (zit. nach Muller, S. 47)

Die Nachteile der Quantifizierung überwiegen

Muller hält von diesen Quantifizierungen nichts. „Professionals tend to resent the impositions of goals that may conflict with their vocational ethos and judgement, and thus moral is lowered. Almost inevitably, many people become adept to manipulating performance indicators through a variety of methods, many of which are ultimately dysfunctional for their organizations. They fudge the data or deal only with cases that will improve performance indicators. They fail to report negative instances. In extreme cases, they fabricate the evidence.“ (S. 19) Außerdem verhindere die Orientierung an (notwendigerweise) in der Vergangenheit festgelegten Maßstäben Innovation und Kreativität. Muller sieht sich die Entwicklung in Richtung Quantifizierung anhand von Universitäten, Schulen, der Medizin, der Inneren Sicherheit, des Militärs, der Wirtschaft und der Entwicklungshilfe an. Überall sieht er ein Überwiegen der Nachteile der Quantifizierung. „It should be required reading for any manager“, schrieb die Financial Times über das Buch.