Editorial 1/1991

Der Golfkrieg hat es auf schmerzliche Weise deutlich gemacht: die Zukunft der Menschheit wird entscheidender noch als bisher angenommen von der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Süden und Norden, zwischen Arm und Reich bestimmt werden. Wir erleben zurzeit eine besonders kritische Episode in einem langdauernden Konflikt. Wenn er nicht weiterhin in der Form zerstörerischer Kriege ausgetragen werden soll, müssen Geduld, Phantasie und Gerechtigkeitssinn Vorrang vor Routinedenken und Gewalt gewinnen.

Gerade jetzt, da Skeptiker und Spötter meinen, die Zukunftsforschung sei überflüssig geworden, weil sie die Krisen der neunziger Jahre nicht vorhergesehen habe, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass die Zuspitzung der Beziehungen zwischen den hochindustrialisierten Staaten und der sogenannten Dritten Welt seit langem im Zentrum unserer Bemühungen stand. So fanden drei der letzten vier von der „World Futures Studies Federation“ veranstalteten internationalen Konferenzen in Afrika (Kairo), Lateinamerika (Costa Rica) und Asien (Beijing) statt. Dabei war die im September 1988 in der chinesischen Hauptstadt abgehaltene Tagung ausschließlich dem kulturellen Thema „Die Zukunft der Entwicklung“ unter wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Aspekten gewidmet.

Dennoch zeigt ein kritischer Rückblick auf diese Anstrengungen, dass es bisher nicht gelungen ist, die Dringlichkeit dieser interkontinentalen Problematik einer weiten Öffentlichkeit nahezubringen. Diesem jahrelangen Desinteresse sind auch die alarmierenden Berichte der 1987 gegründeten „South Commission" und der „Brundtland Report“ der Vereinigten Nationen begegnet. Trotz der zahlreichen Beschwörungen, dass wir Zeitgenossen alle in einer untrennbar verbundenen Weltgemeinschaft leben, ist dieses Bewusstsein der immer stärker werdenden Abhängigkeiten zwischen Nord und Süd noch nicht stark und umfassend genug geworden. Ich meine, dass daran nicht zuletzt die ungenügende Berichterstattung in den Medien schuld ist. Es gibt viel zu wenige Korrespondenten in den Ländern der Dritten Welt, die ihrerseits über zu wenige eigene Beobachter in Europa und Nordamerika verfügen. Schwerwiegender noch ist es, dass Journalisten der Industrieländer meist nur ganz sporadische Beziehungen zur Bevölkerung pflegen und sich vorwiegend auf Informationen der politischen Herrschaftsschichten verlassen.

Wir haben in unserer „Bibliothek für Zukunftsfragen“ einen entschieden anderen Blick auf Zustände und Entwicklungen in der Dritten Welt bekommen, seit wir eine äußerlich bescheidene, aber inhaltlich umso gewichtigere Publikation erhalten, das in Nyon erscheinende „ifda dossier“. Es wird von der „International Foundation for Development Alternatives“ (ifda) sechsmal jährlich herausgegeben. (Zu beziehen über: 4 place du marché, CH-1260 Nyon.) Die Berichte des „ifda dossier“ kommen vorwiegend aus etwa 4000 „Graswurzel“-Organisationen, die es wagen, abseits von Staat und Wirtschaft ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Sie nennen sich „das dritte System“, in dem – anders als im „ersten System“ (Staat) und dem „zweiten System“ (Wirtschaft) – das Volk entwerfend, planend und handelnd sein künftiges Schicksal mitbestimmen soll. Wer wissen will, was z. B. in Haiti, Mexiko, Sri Lanka, Zambia, Bangladesh, Tanzania und zahlreichen anderen Regionen der ehemaligen Kolonialländer vorgeht, erfährt aus diesen einfach gedruckten Bulletins, welcher Art die Wünsche, Hoffnungen und Aktionen derer sind, die sonst kaum gehört werden.

Aber selbst da klaffen Informationslücken. So kommen bisher Frauen zu wenig zu Wort und erheben Jugendliche kaum ihre Stimme. Dabei nimmt gerade die Zahl der Halbwüchsigen besonders schnell zu. Bereits 45% aller Afrikaner, 38% aller Lateinamerikaner, 34 % aller Asiaten sind unter fünfzehn und sie leiden fast alle unter einer „Armut an Zuwendung“, die von den auf materielles Wohlergehen fixierten Theoretikern der Entwicklungsproblematik bisher kaum beachtet wurde. Man nimmt sie nicht ernst und überlässt sie weitgehend ihrem Schicksal. 80 Millionen Kinder werden, wie die UNICEF unlängst berichtete, „bei Arbeiten aller Art ausgebeutet, mehr als 30 Millionen müssen auf den Straßen der Großstädte selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen“. Und nun kommen dazu noch Zehntausende, die Opfer von Kriegen oder Aufständen werden. Hier beginnen schlimme, ja sogar katastrophale Zukünfte. Auf sie ständig weiter aufmerksam zu machen, gehört zu den aktiven Bemühungen um eine erträglichere Welt von morgen.