Der chilenische Neurobiologe und Erkenntnistheoretiker Humberto Maturana, einer der Protagonisten eines völlig veränderten biologischen WeItverständnisses (dargestellt in "Der Baum der Erkenntnis", PZ 2/87* 46), legt hier nochmals zentrale Begriffe seiner Sicht des Konstruktivismus und der evolutionären Erkenntnistheorie vor. Für ihn ist die Welt, in der wir leben, eine Welt die wir im Prozess des Erkennens und im Verwandeln der Erkenntnis in Sprache gemeinsam erschaffen. Die Realität finden wir nicht "draußen", sie entsteht im Auge des Beobachters; Bewusstsein findet nicht im Gehirn statt, sondern in den Beziehungen der Menschen untereinander.

Maturana prägte auch den Begriff „Autopoiese " (Selbstorganisation) und meint damit, "wie sich Systeme als Produkte ihrer eigenen Operationen realisieren". Abseits seines eigentlichen Forschungsgegenstandes "Biologie" zeigt der Autor, dass Kooperation und Toleranz - und nicht Darwins Vorstellungen von Konkurrenz - die Grundlage aller Lebensvorgänge sein sollten. Zur Erklärung heutiger Lebensformen bemüht er öfters die graue Vorzeit. Dort nämlich ortet er den Verzicht auf hierarchische Strukturen in matriarchalen Systemen. "Insofern sind wir aufgerufen, die emotionalen Fundamente jener älteren Lebensweise zu ergründen, die nicht Eigentum, Kampf, Krieg, Macht, Fortpflanzung, Hierarchie und Individualität in den Vordergrund stellte, sondern die Demut, sich in den Zusammenhang alles Lebendigen einzufügen."

Wir leben alle in einer Vielfalt menschlicher Dimensionen und sind ständig gezwungen, Unterscheidungen zu treffen, die gleichzeitig ihre Schatten werfen. Die einzige fundamentale Differenz ist für Maturana das männliche und weibliche Prinzip. Er meint damit aber nicht den biologischen Dualismus, sondern den kulturellen Grundkonflikt, dem "viele aktuelle Konflikte entspringen". Weiters beklagt der Autor, dass "die andauernden Projekte der ,Zukunftssicherung' schon unsägliches Leid über die Menschheit gebracht" haben Er interessiert sich deshalb dafür, "Zukunft im bewussten Erleben der Gegenwart zu verwirklichen und mitzugestalten" und unterscheidet zwischen Steuerung und "konspirativer" Gestaltung der Zukunft. ' Es sollte hier nur versucht werden, einige zentrale Begriffe und Themen im Denken Maturanas nachzuzeichnen. Wer sich der Lektüre stellt, wird sich den witzig amüsanten Anekdoten seiner Fabulierkunst kaum entziehen können. Jedenfalls wird auch der eilige Leser verstrickt in die Vergegenständlichung seines Lebenszusammenhangs.

A. A.

Maturana, Humberto: Was ist erkennen? München: Piper, 1994.245S., DM 36,-/sFr37,-/öS281