Kann es einer Person gelingen, politische Visionen und Konzepte zu entwerfen, sie im Dialog, Streitgesprächen mit Freunden und Kontrahenten weiterzuentwickeln, in Institutionen hineinzutragen und gleichzeitig für deren Umsetzung mit gewaltfreien Protestaktionen zu kämpfen? Trotz ihres zerbrechlich scheinenden Körpers schaffte Petra Kelly dies - oft nur mit letzter Kraft und unter Selbstausbeutung, Ihrem Charisma und dem kompromißlosen Eintreten für die erkannte Wahrheit konnten sich selbst viele ihrer deklarierten Gegner und Machtbürokraten - wie der DDR-Chef Honegger - nicht entziehen. Das brachte Petra Kelly als langjährige Bundestagsabgeordnete der deutschen Grünen zwar Zustimmung und Einladungen aus der ganzen Welt, aber auch vielfältige Konflikte mit sogenannten "Realos" ein.

Vor allem die Last von hunderten Hilfsappellen und Angeboten zur Zusammenarbeit aus der ganzen Welt - gegen Menschenrechtsverletzungen, Rüstung und Militär, Atomtechnologie, Umweltzerstörung, Krebs bei Kindern, Diskriminierung von Frauen usw. - wurde in den beiden letzten Jahren zu groß, insbesondere als ihr nach der Wahlniederlage der GRÜNEN die Infrastruktur des Bundestages nicht mehr zur Verfügung stand. Die in 3.000 Ordnern im Petra-Kelly-Archiv akribisch gesammelten Texte und Materialien, ergänzt durch Bücher, Fotos, Videos und Audiokassetten, dokumentieren ihr ganzheitliches Politikverständnis und die Vielfalt alternativer Projekte und Bewegungen, die ihr nahestanden.

Referenten bei Tagungen der Petra-Kelly-Stiftung votieren mit Nachdruck dafür, daß die "radikale Grundhaltung" Petra Kellys heute dringlicher denn je sei. All dies und einiges mehr wird in den - zu Kellys 50. Geburtstag und 5. Todestag Ende vorigen Jahres zum Teil erstmals veröffentlichten - Texten spürbar. Dorothee Sölle über ihre "Schwester":”Petra Kelly fehlt mir heute vielleicht noch mehr als unmittelbar nach ihrem Tod 1992. Die Lage ist indessen noch unübersichtlicher geworden, es fehlt grünes Denken und grünes Handeln allerorts ... Es gibt Tote, die sind uns nah und gegenwärtig,”Presente', wie die Lateinamerikaner ihre Toten rufen ..." (S.10f).

M.Rei.

Kelly, Petra K: Lebe, als müßtest Du heute sterben. Texte und Interviews. Düsseldorf: Zebulon. 1997. I .: 258S., DM 38,- / sFr 35,- / öS 277,-