Das Verhältnis des Menschen zur Natur und dessen Auswirkungen aus den Perspektiven verschiedener Disziplinen zu thematisieren, ist das Ziel dieses ambitionierten Zeitschriftenprojekts, das nicht auf Schnelligkeit und Tagesaktualität, sondern auf Tiefgang setzt (pro Jahr erscheinen zwei Ausgaben).

„Welche Natur soll für wen, wie lange und mit welchen Mitteln erhalten werden?“   Damit bringt der Herausgeber Thomas Seiler die Frage nach der ökologischen Nachhaltigkeit   sie ist Thema des hier vorgestellten zweiten Heftes    auf den Punkt. Der Soziologe der Washington State University, William R. Catton, macht im einleitenden Beitrag gleich deutlich, dass es sich beim Nachdenken über Nachhaltigkeit keineswegs um eine intellektuelle Spielwiese einiger ÖkologInnen handelt, sondern vielmehr um eine fundamentale Herausforderung angesichts des steigenden Ressourcenverbrauchs einer steigenden Zahl der Weltbevölkerung. Verantwortlich für diese Entwicklung zeichnet nach Catton der technologische Fortschritt. Hatte dieser   so das Paradoxon   früher die Zukunftsaussichten der Menschheit erhellt, so schlage dieser nun in sein Gegenteil um. Technische Erfindungen haben unseren Raubbau an der Natur auf ein kaum mehr tragfähiges Maß ausgeweitet. Der „homo collossos“ von heute unterscheide sich von anderen Spezies eben dadurch, „dass wir neben unseren Mägen auch unsere Treibstofftanks füllen müssen“ (S. 20). Wir lebten in „kultureller Rückständigkeit“. Um wieder eine annehmbare Zukunft zu bekommen, müssten wir daher lernen, die Umkehrung der Rolle der Technologie für die Belange der Menschen zu verstehen, so der Soziologe, der für eine nachhaltige Entwicklung eine dramatische Steigerung unserer Effizienz sowie ein „negatives Bevölkerungwachstum“ für unabdingbar hält.

Für einen Übergang von einer anthropozentrischen zu einer holistischen Umweltethik, die die Natur in ihrem Eigenwert anerkennt, plädiert Martin Gorke von der Universität Leipzig, da so nicht nur jeder Eingriff rechenschaftspflichtig werde („Beweislastumkehr“), sondern nur so auch das instrumentelle Denken überwunden und Intellekt und Gefühl wieder zusammengesehen werden könnten. Im selben Sinne plädiert der kanadische Ökologie Stan Rowe für eine „Erd-Ethik“, in der der Mensch von der Natur und ihren Ökosystemen lernt.

Zwei der Beiträge des Bandes sind der empirischen Nachhaltigkeitsforschung zuzuordnen. Stefan Giljum und Friedrich Hinterberger, Betreiber eines Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien, vergleichen unterschiedliche Ansätze zur Messung von Nachhaltigkeit (Materialflussanalyse, ökologischer Fussabruck, Indexmodelle). Sie schlagen ein praktikables umweltpolitisches Leitsystem sogenannter „Headline-Indikatoren“ vor, die Input-Größen (Materialaufwand, Verbrauch an Fossilenenergie, Flächenbelegung) mit Output-Größen (Abfallmenge, CO2-Äquivalente, Versauerungspotenzial) verbinden. Fridolin Krausmann schließlich gibt eine Einschätzung der globalen Landnutzungspotenziale für Nahrung und Energie (Nettoprimärproduktion). Auch er kommt zum Schluss, dass wir auch bei einem Umstieg auf eine solare Energiebasis nicht um eine Änderung unserer Konsumgewohnheiten herumkommen werden.

Das Zeitschriftenprojekt „Natur und Kultur“ verfolgt den anerkennenswerten Ansatz, der Schnelllebigkeit des Informationsmarktes nachhaltige Reflexion entgegenzusetzen. Wir dürfen schon gespannt sein auf die demnächst erscheinende Ausgabe 3, die u.a einen Beitrag des Begründers des Konzepts des „ökologischen Fusabdruck“, Mathis Wackernagel, zur Akkumulation ökologischer Schulden durch globalen Handel enthalten wird. H. H.

(Abo für 2 Ausgaben: DM 39,- / sFr 32,- / öS 275,-; Bestellungen: Gesellschaft für ökologisch-nachhaltige Entwicklung, Neuhofen 32, A 8983 Mitterndorf, Tel./Fax: 0043/(0)3623 3672,  E-MAil: ses@telecom.at, www.natur-kultur.at,)

Natur und Kultur. Transdisziplinäre Zeitschrift für ökologische Nachhaltigkeit. Hrsg. v. d. Gesellschaft für ökologisch-nachhaltige Entwicklung. Bad-Mitterndorf. Jg. 1 (2000), Nr. 2. 120 S.