Jahrbuch Ökologie 2002Von den doch markanten Einbrüchen, die sowohl von Seiten der Politik wie auch des öffentlichen Interesses in Bezug auf das Thema Ökologie zu verzeichnen sind, ist in der jüngsten, bereits 11. Ausgabe des „Jahrbuchs Ökolo-gie“ wenig zu spüren. Engagiert, sachlich–informativ, streitbar, wo erforderlich, und überwiegend auch dort ermutigend, wo es um die Offenlegung von Missständen und Versäumnissen geht, sind die 32 in fünf Abschnitten versammelten Beiträge. Einmal mehr ist es dem Herausgeberteam um Udo E. Simonis (WZB, Berlin) gelungen, durchwegs kompetente Stimmen zu zentralen Aspekten des Umweltdiskurses zusammenzuführen:


„Lehren aus der BSE-Krise“ stellt das einleitende Kapitel („Disput und Perspektiven“) zu Diskussion. Franz-Theo Gottwald (Schweisfurth–Stiftung, München) etwa schildert die sich abzeichnende Ausweitung der nachhaltigen Landwirtschaft als Ansatz zu einer neuen Ernährungskultur. Konsumenten von morgen werden pflanzliche Produkte bevorzugen, wogegen „Fleischprodukte zunehmend bei kulturellen Anlässen als Delikatesse aufgetischt werden“ (S. 20). Dass sich Gerd Sonnleitner (seit 1997 Präsident des Deutschen und seit 2001 auch des Europäischen Bauernbundes mit klaren Worten – „Es kann und darf keine unsicheren Nahrungsmittel geben. Sowohl klein als auch groß, sowohl konventioneller als auch ökologischer Landbau müssen dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet sein.“ (S. 27) – und auch Renate Künast (sie setzt auf die stärkere Vermarktung von Rohprodukten und will die vier noch in der Tierfütterung verbleibenden Antibiotika verbieten) gleichermaßen für die „Ökowende“ stark machen, ist mit Staunen und (vorauseilender) Freude zu registrieren. Das Für und Wider dieser Neuorientierung wird zudem in zwei Erklärungen dingfest gemacht. Schließlich wendet sich I. Radisch gegen „scheinheiliges Mitleid mit Kühen“ und stellt treffend fest, dass der „Übergang von einer ursprünglichen Blut- und Hack- zu einer zivilisierten Vernunfts- und Mitleidsordnung auch im 21. Jahrhundert noch nicht auf der Speisekarte steht“ (S. 49). Zu den „Bedingungen menschlichen Umweltverhaltens“ im Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur steuert Th. Knopf eine Replik bei. Er kommt zu dem Schluss, dass „Kultur hinsichtlich tendenziell gegenläufiger Strukturveränderungen umso träger ist, je größer der soziale Rahmen und die Anzahl der Akteure in den verschiedenen Konstellationen sind, ist aber doch davon überzeugt, „dass Menschen unter den entsprechenden kulturell-strukturellen Bedingungen ihr Umweltverhalten (...) ändern können“ (S. 62f.).


Die „Schwerpunkte des Bandes sind den Themen „Rio + 10“ (3 Beiträge), der Frage „Was ist Leben?“ – u. a. G. Altner über die „Ressource Mensch – biotechnischen Fortschritt und die Würde des Menschen“ und M. Emmerich über „Maßlose Wissenschaft“    dem Zusammenhang von „Sesshaftigkeit“ und „Ortsqualität“ und „Sauberen Produkten“ gewidmet. Im letztgenannten Abschnitt erörtert etwa W. Bierter unter dem Terminus ‚System-Design’ „radikale Produkt– und Prozessinnovationen“. Dem „Abfall als Indikator von Nachhaltigkeit“ widmen sich N. Kopytziok/N. Schwarz; neue Erkenntnisse über nachhaltige Konsumstile vermitteln C. Empacher/I. Schulte, die die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Sozialökologische Forschung (ISOE) präsentieren: Auf Grundlage einer empirischen Befragung von 100 Haushalten wurden – vgl. S. 202ff. – drei übergreifende ‚Grundorientierungen der Lebensgestaltung’ (kreative Gestaltung des Konsums gegenüber Konsum als unangenehme Last, partnerschaftliches Geschlechtermodell gegenüber einem traditionellen Familienkonsum, ganzheitliches Körperbild und Gesundheitsbewusstsein gegenüber einer funktionalen Orientierung) ausgemacht, 10 „Konsumtypen“ (von der „durchorganisierten Ökofamilie“ über die „unauffällige Familie“ bis hin zu den „statusorientierten Privilegierten“ eruiert und vier Zielgruppen zugeordnet.

Der Abschnitt „Umweltpolitikgeschichte“ thematisiert die schleichende atomare Verseuchung der Arktischen Region v. a. durch die militärischen Altlasten der UdSSR und unter dem Titel „Vergessene Umweltgeschichte“ Störfälle, Haverien und Umweltunfälle in der DDR (M. Zschiesche).„Exempel, Erfahrungen, Ermutigungen“ berichten u. a. über die ‚Stand–by–Kampagne’ der „Energiestiftung Schleswig-Holstein“, die beachtlichen Erfolge mit Ener-giesparkontrakten in den Niederlanden   Philips Electronics hat das Ziel einer 20-prozentigen Effizienzsteigerung in 10 Jahren auf der Basis von 1990 mit 34 v. H. (!) weit übertroffen   und die herausragende Leistung des erst 15-jährigen „Hoffnungspreisträgers“ Christoph Schneider aus Ludwigsburg [mehr unter www.umweltschutzweb.de]). Das schon bewährte Kaptitel „Spurensicherung“ (u.a. mit einem Nachruf auf Donella M. Meadows), ein Anhang mit Selbstdarstellungen von Umweltinstitutionen sowie – erstmals –  eine Zusammenstellung von insgesamt 70 (unkommentierten) Web–Adressen unter dem Titel „Umwelt im Internet“ beschließen diesen Band.

Wie immer: Das Jahrbuch Ökologie ist mehr als nur empfehlenswert – es hat nach wie vor in der Kategorie „Unverzichtbar“ einen Stammplatz. W. Sp.

Bei Amazon kaufenJahrbuch Ökologie 2002. Hrsg. v. Günter Altner ... München: C. H. Beck, 2001. 303 S., € 12,50 / DM  / sFr 24,90 / öS 182,–