Saral Sarkar Die nachhaltige GesellschaftNachhaltigkeit allerorten: Nachhaltigkeit in jeder Umweltdebatte, Nachhaltigkeit in allen Politikbereichen (zumindest von der EU so beschlossen), kaum mehr Umweltbücher, dafür jede Menge Bücher über Nachhaltigkeit. Leider weisen die meisten dieser Bücher der Nachhaltigkeit den Weg Richtung Beliebigkeit. Und doch: ab und an erscheinen Bücher, von denen Wirkung ausgeht. Der erste Bericht der Meadows an den Club of Rome war ein solches, die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ des Wuppertal-Institutes, die hierzulande die Nachhaltigkeitsdebatte erst richtig eingeläutet hat, ein anderes. Das vorliegende Buch von Saral Sarkar ist ein weiterer solcher Glücksfall, quasi eine GPS-fähige Boje im Meer der nichtssagenden Publikationen.


Um es vorweg zu nehmen: es handelt sich um kein Fachbuch, der Autor selbst bezeichnet es als politischen Essay (S. 20), es ist ein betont und bekennend ideologisches Buch – das mindert nicht den Wert der Argumente und Analysen, es dient lediglich der Einordnung des Gelesenen. Sehr ungewöhnlich – und sehr zu begrüßen, weil für die Lektüre nutzbringend – ist, dass der Autor bereits im ersten Kapitel seine Position zu grundlegenden Fragen und Problemen darlegt. Er begibt sich damit der Verschleierungsmöglichkeit im Rest seiner Arbeit.


Viele Veröffentlichungen gehen der Frage nach, wie Gesellschaften sich verändern müssen, um nachhaltig(er) zu werden – Sarkar dreht das Argument um und widmet sich der Frage, welcher gesellschaftlichen Voraussetzu-gen es bedarf, um Nachhaltigkeit zu verwirklichen. In den ersten Kapiteln untersucht er den vormals real existierenden Sozialismus, insbesondere am Beispiel der UdSSR sowie das nunmehr allein vorherrschende kapitalistische Wirtschaftsmodell in seinen Facetten auf die prinzipielle „Nachhaltigkeitspotenz“. Beiden Gesellschaftsformen wird eine Absage in dieser Hinsicht erteilt. Sehr bedenkenswert ist etwa der Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang des Scheiterns des „Sozialis-mus“ (Sarkar schreibt den real existent gewesenen Sozialismus konsequent in Anführungszeichen) mit dem Allmendekonflikt (S. 136).


Kapitel vier widmet sich der Frage der natürlichen Ressourcenbasis einer Wirtschaft. Hier sind sehr interessante Überlegungen formuliert, die insbesondere den unkritischen Adepten der Solarenergie als Denkanstoß über die prinzipielle Machbarkeit ihrer Visionen ans Herz gelegt seien. Wesentlich positiver als die Nutzung der Solarenergie wird vom Autor die Nutzung von Biomasse beurteilt, auch wenn er keinen Zweifel offen läßt, dass das vorherrschende Verbrauchsniveau nicht einmal annä-hernd von dieser bedient werden könnte. Die folgenden Betrachtungen über den üblicherweise praktizierten „technologischen Umweltschutz“ gehören zum Scharfsinnigsten, was dazu in letzter Zeit zu lesen war. Sarkars Schlussfolgerung: „So mögen die reichen Länder heute weniger Umweltprobleme haben als 1976; doch global betrachtet kann der technologische Umweltschutz nicht als Erfolg gewertet werden (S. 188)“, ist so wahr wie traurig.

Mit einer (pessimistischen) Abschätzung zur Frage „Wie akut ist die Krise – wie viel Spielraum haben wir noch“ beendet der Autor diesen Abschnitt, nicht ohne den AutorInnen „ökologischer Bestseller“ noch Mahnendes ins Stammbuch zu schreiben: „ÖkologInnen hören auf, ÖkologInnen zu sein, wenn sie anfangen, wie BerufspolitikerInnen zu denken und zu reden“ (S. 217).

Als Messlatten für eine nachhaltige Gesellschaft werden sechs konkrete Einzelziele formuliert, an denen verschiedene Gesellschaftssysteme auf ihre Nachhaltigkeit gemessen werden können. Als drittes dieser Ziele wird formuliert, dass „alle arbeitsfähigen Menschen sinnvolle Arbeit finden müssen“ (S. 222).


Die Alternative „Öko-Sozialismus“ wird als Synthese von Ökologie und Sozialismus entwickelt: „Es sind nicht nur Ideale, die uns zwingen, eine Synthese von Sozialismus und Radikalökologie zu schaffen, sondern auch eine konkrete, logische Notwendigkeit, nämlich die, dass ohne Planung ein geordneter Rückzug vom heutigen Wahnsinn überhaupt nicht möglich sein wird“ (S. 321). Wohltuend ist, dass kein fertiges Zukunftsmodell dargeboten wird, sondern das Hauptaugenmerk der Phase des notwendi-gen Überganges gilt. Vieles am Modell des Öko-Sozialismus ist hinterfragenswert – manches löst auch unangenehme Assoziationen aus. Etwa: „Arbeitsin-tensive Technologien sind auch sozial heilsam...“ (S. 339). So diskussionsbedürftig Einiges scheint, und bei allen Bedenken, wieweit eine solcherart reglementierte Gesellschaft noch Lebensqualität bieten kann, muss doch konstatiert werden, dass hier ein ausformulierter Entwurf einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft vorliegt.


Im abschließenden siebenten Kapitel geht Sarkar auf einige noch nicht beleuchtete Fragen, wie das Verhältnis des Öko-Sozialismus zu Fortschritt oder die „Eine-Welt-Problematik“ ein. Hier werden einmal mehr sehr interessante Argumentationsketten (die aber durchaus hinterfragbar sind) geschmiedet. Es bestätigt sich der Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt: sehr intelligent, sehr interessant, sehr bedenkenswert, aber auch kritisierbar. G. S.

Bei Amazon kaufenSarkar, Saral: Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse von Systemalternativen. Berlin: Rotpunkt-Verl., 2001.  240 S., € 20,45 / DM 40,- / sFr 38,- / öS 292,-