Nachhaltige Entwicklung ist heute in aller Munde, doch fehlt eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs. So läßt sich vielfach zwar locker plaudern, ohne fundierte Basis besteht allerdings die Gefahr, daß der Terminus nichtssagend wird und folgenlos bleibt. Die Autoren stellen sich der verdienstvollen Herausforderung einer kritischen Würdigung der Entstehung und Rezeption von "Sustainable Development" und beleuchten zentrale Aspekte des Begriffs. So etwa den Umstand, daß der den Begriff prägende ”Brundtland-Bericht" weiteres Wirtschaftswachstum als unabdingbar voraussetzt. Die Lösung der ökologischen Krise wird durch einfache Fehlerkorrektur im bestehenden System angestrebt, grundsätzliches Umdenken etwa im Blick auf die wachsenden Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern wird nicht thematisiert. Im Hinblick auf ökologische Ziele wiederum zeichnet sich das Konzept durch die Quantifizierung von Natur unter ökonomischen Gesichtspunkten aus: Natur wird noch stärker zur Ware, die es nur gezielter auszunutzen gilt. Parallel dazu sehen die Autoren die Lösungsvorherrschaft von Expertinnen gegenüber den in der jeweiligen Region lebenden "Laien", was i. E. auch in globalem Maß bedeutungsvoll ist, zumal sich "zwischen Problembewußtsein und den Aufbau von Lösungskapazitäten die real existierenden Machtunterschiede und Konflikte zwischen Norden und Süden schieben". Im Folgenden widmet sich der Band den negativen Auswirkungen des kapitalistischen Systems zu und stellt diesem andere Formen des Wirtschaftens gegenüber. Zu Ende dieses Abschnitts kommen die Autoren zu dem ernüchternden Befund, daß die derzeitige Ausrichtung von "Sustainable Development" sowohl die alten Herrschaftsformen intensivieren als auch die Zerstörung der Lebensgrundlagen vorantreiben wird. Sie plädieren daher für die verstärkte Einbeziehung ideologisch-Iegitimatorischer Gesichtspunkte. So sollte das Konzept um die Komponente "Soziale Gerechtigkeit" erweitert werden. Im abschließenden Teil II wenden verschiedene Autorinnen die bereits genannten Kritikpunkte auch auf die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" an, die - so eine herbe Stellungnahme - "jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Bedingungen unserer gegenwärtigen Wirtschafts- und Lebensweise vermissen läßt". Hinter der zuweilen drastischen - und so nicht haltbaren - Formulierung steht das Bemühen, das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auf festere Beine zu stellen und die Gefahr verkürzter Ansätze hinten zuhalten. In diesem Sinne läßt sich nur wünschen, daß weitere differenzierende Beiträge die Diskussion voranbringen und zu entsprechenden konkreten Schritten führen mögen. R. M.

Eblinghaus, Helga; Stickler, Armin: Nachhaltigkeit und Macht. Zur Kritik von Sustainable Development; Frankfurt/M.: IKO-Verl. für Interkult. Kommunikation, 1996.240 S., DM 29,80/sFr 30,80/öS 218