Wenn Bücher noch etwas bewegen, dann solche wie das vorliegende. Hervorgegangen aus einem dreijährigen Disziplinen und Denkansätze übergreifenden, vom Wiener Biologen Rupert Riedl initiierten Dialog, wird darin jenseits von Stückwerkpolitik und kosmetischer Symptombehandlung der Grundfrage der ökologischen wie der sozialen Zerrüttung der Welt auf den Zahn gefühlt: dem Dilemma der explodierenden Wachstumszwänge. Nicht zufällig wird auf die "Grenzen des Wachstums" Bezug genommen, vor denen der Club of Rome bereits vor gut 20 Jahren gewarnt hat (Dennis Meadows verfaßte ein Geleitwort). Die Warnungen von damals mögen das Umweltbewußtsein etwas befördert haben, das Wachstum hat aber weiter zugenommen. "Nicht nur, daß das Wachstum exponentiell weitergeht; vielmehr, daß ohne zureichendes Wachstum nichts mehr funktioniert", darin sehen Rupert Riedl und die Mitherausgeberin Manuela Delpos das Grunddilemma jener ”Zugzwänge". die das Umsteuern so schwierig machen. Das Ziel der 17 Beiträge dieses Bandes liegt daher im Anspruch, zum Erkennen der den Wachstumskräften zugrundeliegenden Ursachen beizutragen. Die ständige Ausweitung der Tragekapazitäten "durch technologische Entwicklungen und die Ausdehnung der Zugriffsmöglichkeiten auf Ressourcen" in globalisierten Strukturen macht der Biologe Helmut M. Knoflacher für das Versagen von Regelungsprozessen verantwortlich (Ernst Gehmacher spricht in seinen Ausführungen zum "Wachstum sozialer Systeme" in diesem Zusammenhang von "harten" und "sanften" Regulationen). Ähnlich argumentiert Manuela Delpos, die die Verarmung des Südens bis zu den Wurzeln des Kolonialismus und des Aufeinanderprallens von unterschiedlichen "Entwicklungskonzeptionen" zurückverfolgt. Die Mehrzahl der Autorinnen befaßt sich in der Folge mit den Wachstumsfeldern und -antrieben jenes technologieinduzierten industriellen Systems, das im Europa der letzten Jahrhunderte seinen Ausgang nahm. Die Philosophin Elfriede M. Bonet geht den "kulturgeschichtlichen Ursachen des Wachstums" von Auguste Compte bis heute nach: Sie sieht den Ausweg im bio-ökologisch orientierten Weltbild der Evolutionstheorie. Kulturgeschichte liest sich gewissermaßen" verkehrt herum", also nicht als eine des zunehmenden Fortschritts, sondern als eine des zunehmenden Verlustes. Der Physiker Hans Peter Aubauer zeichnet die wachsende Naturnutzung der Menschheit von der Agrar- zur Industriegesellschaft nach und weist insbesondere auf die zeitverzögerte Wirkung ökologischer Systemveränderungen hin. Mehrere Beiträge thematisieren die Zusammenhänge von Wirtschaft, Bedürfnissen, Geld und Wachstum (u. a. von Mathias Binswanger). Hermann Knoflacher verdeutlicht die Folgen einer auf das Auto ausgerichteten Entwicklung des Verkehrs und den daraus resultierenden "Abbau aller wachstumshemmenden Größen". Erörtert werden zudem der Einfluß von Politik und Rechtssystem als "Wachstumsfaktoren". Der Unternehmer Klaus Woltron entwirft schließlich das Bild einer gewandelten Wirtschaft, in der die Natur nicht mehr kostenlos ist und nichtmaterielle Erzeugnisse die Wertschöpfung bestimmen werden. Ein versöhnlicher Ausblick? Nein. Die lebendig und auch für Laien anschaulich dargelegten Befunde machen deutlich: die Optimierungsstrategien der "Macher" werden nicht reichen, eine zukunftsfähige Umsteuerung einzuleiten (sind sie doch vielfach selbst Teil des Problems). Vielmehr sind neue Leitplanken für Wohlstand und Entwicklung zu finden. H. H.

Die Ursachen des Wachstums. Unsere Chancen zur Umkehr. Hrsg. v. Rupert Riedl ... Wien: Kremayer & Scherleu. 1996. 304 S.