An der Princeton University wurde im Jahr 1990 ein "University Center for Human Values" eingerichtet, das sich vor allem der Erforschung disziplinenübergreifender ethischer Fragen widmet. In diesem Kontext entstand das vorliegende Buch über einen der brennendsten Grundsatzkonflikte unserer Zeit: Kann das Prinzip der liberalen Demokratie, alle Individuen gleich zu behandeln und anzuerkennen, mit dem scheinbar ebenso legitimen Wunsch nach Achtung der kulturellen und ethnischen Identität von einzelnen und Gruppen, wie er in Form von Minderheiten-, Nationalitäts- und Rassenspannungen und der feministischen Bewegung zunehmend akut wird, koexistieren?

Taylor holt in seinem Essay weit aus und bezieht die ideengeschichtliche Genese des liberalen Ansatzes von Rousseau über Kant und Hegel in seine Erörterung ein, die er am differenziertesten an der Kontroverse Kanada - Quebec entfaltet. Er kommt dabei zur Definition zweier Typen von Liberalismus. Zum einen sieht er einen Liberalismus, für den die gleiche Menschenwürde aller Bürger primär ist, der sich daher prozedural versteht, eher keine kollektiven Ziele formuliert und sich gegenüber kulturellen und anderen individuellen Besonderheiten neutral oder "blind" verhält; dieser Typ steht freilich in der Gefahr einer möglicherweise auch gewaltsamen Homogenisierung. Der zweite Typ von Liberalismus nimmt auch besondere Bedürfnisse von Individuen und Gruppen in den Blick; nach Taylor können auch solche besonderen Bedürfnisse, sofern sie die Prinzipien der gleichen Menschenwürde und damit andere Individuen und Gruppen nicht in ihren Grundrechten beeinträchtigen, mit Bedacht als Ziele liberaler Staaten gesetzt werden.

Die zweite Hälfte des Buchs besteht aus Kommentaren zu Taylors Thesen. Susan Wolf urgiert, dass die speziellen Anerkennungsprobleme der Frau nicht einfach mit denen von Minoritäten gleichgesetzt werden können und setzt sich mit Fragen multikultureller Erziehung auseinander. Steven C. RockefeIler warnt vor der Möglichkeit des Mißbrauchs von Sonderrechten und plädiert für eine sorgfältige kritische Würdigung der Leistungen und Praktiken unterschiedlicher Kulturen. Auch Michael Walzer weist gegenüber möglichen Partikularismen eindrücklich auf die Verdienste des Liberalismus des 1. Typus hin. Andy Gutmann diskutiert das Problem vor allem an der aktuellen Situation US-amerikanischer Universitäten, wo er das Entstehen von zwei Denkrichtungen, der" Essentialisten" und der" Dekonstruktivisten". diagnostiziert und mehr Dialog und gemeinsames Nachdenken fordert. Die deutsche Ausgabe umfaßt zuletzt auch noch eine ausführliche Stellungnahme von Jürgen Habermas, der für einen erweiterten Grundrechtsbegriff eintritt, in dem sich der Gegensatz zwischen individueller und kultureller Autonomie als nur scheinbar auflöst. Ihre jeweilige Koexistenz hängt s. E. von einer Vielzahl historischer und soziologischer Bedingungen ab, wobei aber die Loyalität zu den Grundrechten die Basis darstellen muss die mit Fundamentalismen jeglicher Provenienz unvereinbar ist. Habermas konkretisiert seine Thesen am Beispiel Europa, das die Gratwanderung zwischen legitimer Selbstbewahrung und ausgrenzendem Wohlstandschauvinismus bestehen muss, was die Asylpolitik der BRD aus seiner Sicht verfehlt.

Eine konkrete Ergänzung ist der Artikel Sullivan, Scott: The Sum of Its Parts. Europe: Regions defined by language or economic interest raise a challenge to nationstates. In: Newsweek 28. März 1994, S. 12 f., in dem ein kompakter, illustrierter Überblick über die zur Zeit in Europa aktuellen Regionalismen gegeben wird.

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Teylot, Charles: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung.

Frankfurt/M.: S. Fischer, 1993. 198 S., DM 36,- I sFr 33,10 I ÖS 281.