Möglichkeiten, die Angst zu überwinden

Ausgabe: 2015 | 1

nussbaumWir leben - so die einleitende Feststellung der renommierten US-amerikanischen Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum - in einer „Zeit der Angst und Verdächtigungen“. Und: Wir täten gut daran, „angesichts unserer eigenen Bilanz als vermeintlich tolerante und respektvolle Kultur bescheiden zu werden. (…) Unsere Situation schreit geradezu nach kritischer Selbst-Reflexion, sofern wir die Wurzeln der schlimmen Ängste und Verdächtigungen freilegen wollen, die gegenwärtig alle westlichen Gesellschaften entstellen“ (S. 13). Im Geiste Sokrates‘ wäre eine ethische Herangehensweise anzuraten, die in Anbetracht der grassierenden religiösen Intoleranz dreierlei erfordert: 1.) „Politische Grundsätze des gleichen Respekts vor allen Bürgern und ein Verständnis dessen, was diese Grundsätze für die heutige Konfrontation mit religiösen Unterschieden bedeuten (…) 2.) Rigorose Kritik, die Unvereinbarkeiten aufspürt und kritisiert, gerade auch jene, die Ausnahmen für einen selbst zulassen und den Stachel im Auge des anderen bemerken, ohne den Balken im eigenen Auge zu erkennen; 3.) Eine systematische Ausbildung des „inneren Auges“, der Vorstellungskraft, die uns erkennen lässt, wie die Welt vom Standpunkt anderer Religionen oder Ethnien aussieht.“ (ebd.)

Indem die Autorin das narzistische Gefühl der Angst als Grundlage der (religiösen) Intoleranz offenlegt und deren (biologische und kulturelle) Ursachen seziert, gelingt es ihr, politische Konsequenzen (Minarettverbot, Breivik-Attentat u. a. m.) neu zu sehen und zu bewerten. Damit wird der Weg frei, Möglichkeiten eines respektvollen Miteinanders auszuloten, der für Nussbaum in dem Grundprinzip des „gleichen Respekts für das Gewissen“ liegt. Demnach haben alle Menschen gleiche Würde. Wie oft es geschieht, andere für etwas zu kritisieren, was man selbst keinesfalls besser macht, zeigt Martha Nussbaum exemplarisch an der Diskussion über das Burka-Verbot: keines der vorgebrachten Argumente –  fehlende Sicherheit, Diskriminierung, Nötigung oder Gesundheitsgefährdung – hält ihrem Einwand stand. Mit einem Plädoyer für Respekt und die Einübung  von „mitfühlender Phantasie“, der Erörterung des Diskurses rund um „Park 51“ (die Errichtung einer muslimischen Erinnerungsstätte für die Opfer von 9/11) wendet sich Nussbaum zuletzt der Frage zu, was in Anbetracht einer in der Tat gefährlichen Zeit, in der wir leben zu tun oder, besser wohl, einzuüben sei: die Fähigkeit zu kritischer Prüfung und zu Selbstkritik in einem Geist der Neugier und der Freundschaft. Ein großartiges Buch! Walter Spielmann

 Nussbaum, Martha: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst. Darmstadt: Wissenschaftl. Buch-Ges., 2014. 220 S., € 39,95 [D], 41,15 [A], sFr 42,90

ISBN 978-3-534-26460-5