Armutskonferenz, Attac, GESÖB, fair sorgen! (Hg.)

Wir alle machen Wirtschaft

Ausgabe: 2025 | 3
Wir alle machen Wirtschaft

Wirtschaft im Kontext der vielfältigen ökonomischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen multiperspektivisch zu vermitteln, ist das Ziel des Netzwerks „Wir alle machen Wirtschaften“ (www.wirallemachenwirtschaft.at) Vorgestellt und angeboten werden Bildungsmaterialien, Workshops sowie einschlägige Publikationen. Ein soeben erschienener Sammelband widmet sich in diesem Sinne unterschiedlichen Feldern von Wirtschafts- und Finanzbildung. Gewonnen wurden dafür Lehrende unterschiedlicher Universitäten und Fachhochschulen aus Österreich und Deutschland.

Ein umfassender Wirtschaftsbegriff, multiperspektivische Bildung, die unterschiedliche wirtschaftliche Denkschulen berücksichtigt und diskutiert; die Herstellung von Bezügen zur Lebensrealität der Schüler:innen sowie zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und von Gewinninteressen unabhängige Akteur:innen und Materialien, etwa im Zusammenhang mit Finanzbildung; werden als Kriterien „zukunftsfähiger wirtschaftlicher Bildung“ (S. 11ff.) ausgemacht. Demnach soll „wirtschaftliche Bildung zur Partizipation an der politischen Gestaltung von Wirtschaft in Öffentlichkeit und Politik, Unternehmen, Organisationen und Zivilgesellschaft befähigen“ (ebd. S. 13). Wirtschafts- und Finanzbildung müsse sicherstellen, „dass Menschen Zusammenhänge sehen und verstehen können, um nach ihnen zu handeln“ (ebd.), das heiße auch, für eigene Interessen und das Gemeinwohl einstehen zu können. Wirtschaftliche Bildung wird als zentrale bildungspolitische Maßnahme definiert, „mit der Kindern und Jugendlichen politisch-soziale Deutungsmuster und Weltbilder mit Blick auf Wirtschaft, Arbeitswelt und Soziales vermittelt werden“ (Zurstrassen/Franke, S.20). Im Kontext ökologischer und geopolitischer Herausforderungen wird auch gefordert, die Errungenschaften von Sozialstaat und Demokratie wertzuschätzen und für zukünftige Ziele zu adaptieren: „Diese Vorzüge zu kennen und zu schätzen und gleichzeitig zu verstehen, in welcher Hinsicht die aktuelle Wirtschaftsweise nicht nachhaltig ist, erlaubt, die Potenziale zukunftsfähigen Wirtschaftens realistisch einzuschätzen.“ Novy/Bärnthaler/Prieler, S. 122).

Die Inhalte des Buches folgen diesem emanzipatorischen Ansatz. Im ersten Abschnitt „Akteure und Interessen“ wird die Genese der österreichischen Finanzbildungsstrategie sowie die Gefahr der Vereinnahmung der wirtschaftlichen Bildung durch unternehmensnahe Stiftungen oder Finanzinstitute ebenso angesprochen wie das Problem einseitiger Erzählungen über Armut oder die „Notwendigkeit“ privater Vorsorge fürs Alter. Im zweiten Abschnitt „Vielfältige Perspektiven auf Wirtschaft“ geht es um die historische Entwicklung der Marktwirtschaft, den (fehlenden) Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre, die Perspektive der feministischen Ökonomie, zudem um unterschiedliche Erklärungsansätze und Theorien zur wirtschaftlichen Globalisierung sowie zu Geld und Inflation.

Ansätze zukunftsfähiger Wirtschaftsbildung

Die Themen des dritten Abschnitts „Ansätze zukunftsfähiger Wirtschaftsbildung“ stellen sich den Herausforderungen an wirtschaftliche Bildung „in unsicheren Zeiten“ (S. 121) – Stichworte wären die Mehrfachkrise sowie die Neujustierung von Wohlstandsbildern im Zusammenhang mit Resilienz – und sie widmen sich neuen Wirtschaftskonzepten wie Care-, Gemeinwohl- oder Donut-Ökonomie (letztere wurde von der britischen Ökonomin Kate Raworth im Kontext der Planetary Boundaries entwickelt). Beiträge zu einer bedingungslosen Grundversorgung als „Grundlage bedürfnisorientierten Wirtschaftens“ (S. 154) sowie zur Neujustierung der Landwirtschaft und des Lebensmittelsektors im Sinne von Ernährungssouveränität und Regeneration der Ökosysteme runden diesen Abschnitt ab. Der Band schließt mit einer Art Fundgrube, in der einschlägige Bildungsangebote von Netzwerk-Partnern vorgestellt werden.

Resümee: Wirtschaftliche Bildung ist ebenso wie die Lehre an den volkswirtschaftlichen Universitäten ein umkämpftes Feld. Will sie junge Menschen fit für das 21. Jahrhundert machen, muss sie sich nicht nur alltagspraktischen Themen wie dem Umgang mit Geld, unterschiedlichen Anlageformen oder der beruflichen Orientierung widmen, sondern auch den großen Fragen der Zeit, der Überwindung von Hunger und Armut, dem Achten auf die planetaren bzw. ökosystemischen Grenzen oder der Eindämmung der menschengemachten Klimakrise stellen. Die Beiträge dieses Bandes machen dies einmal mehr deutlich. Das Buch richtet sich an Lehrerende an Universitäten und Schulen ebenso wie an Studierende sowie alle Interessierten. Konkrete Unterrichtsbeispiele darf man nicht erwarten, Hinweise darauf sind jedoch im vierten Abschnitt zu finden. Hans Holzinger