An die 90 bis 100 Millionen Tonnen an Fischen und Schalentieren werden Jahr für Jahr dem Meer entnommen. Das ist zu viel, sagt die Ernährungsorganisation (FAO) der UNO. Maximal 80 Tonnen dürften es vernünftiger Weise sein. Sieben der zehn meist gefangenen Fischarten sind bereits bis zur Obergrenze befischt oder werden bereits überfischt, so der FAO-Fischereibericht aus dem Jahr 2004.

 

Der vorliegende an der Forschungsstelle für Politische Ökologie der Ludwig-Maximilians-Universität München entstandene Band schlägt Alarm. In drei Abschnitten wird Bericht erstattet über die „Kulturgeschichte der Fischerei“ (faszinierend nachgezeichnet vom Herausgeber), die Meeresfischerei als „Faktor der Weltwirtschaft und Welternährung“ und schließlich über politische Regulierungsversuche der Fangrechte und -quoten (dieser Abschnitt ist überschrieben mit „Politik, Recht und Moral“). Man erfährt alles über die Situation der Fischbestände (Harald Bergbauer und Patrick Uwe Petit gehen davon aus, dass – die Dunkelziffer mitberechnet – eher 200 als 100 Mio. Tonnen Tiere jährlich den Meeren entnommen werden), die Fangpraktiken (Resümee der beiden Autoren: „Es existieren zu viele Fangschiffe und Kutter für zu wenige Fische. Hochgerüstete Fangflotten machen Jagd auf immer weniger Fisch“, S. 75) sowie die kommerziellen Interessen hinter der Meeresfischerei. Aquakulturen, die etwa in Asien boomen, sind leider nur bedingt ein Ausweg, da sie, wie Franz-Theo Gottwald ausführt, zu großen ökologischen Belastungen der Meere führen; wie übrigens auch die Fangmethoden der Hochseetrawler, die den Meeresgrund verwüsten. Der Ernährungsexperte fordert eine Konsumwende, in der Meeresfisch wieder den „Festtagscharakter“ erhält. Den Fischen zugeschriebene Qualitäten wie Omega 3- Fettsäuren (wirken krebsvorbeugend) seien auch in anderen Lebensmitteln wie Raps- und Walnussöl enthalten. Mit Blick auf das Recht auf Nahrung sei auch zu bedenken, dass viele Menschen – anders als wir – unmittelbar auf Küstenfischerei als Nahrungsgrundlage (Protein und Eiweißbedarf) angewiesen sind. Wenn schon Meeresfischkonsum sollte daher auf das Nachhaltigkeitszeichen des Marine Stewardship Council (MSC, ein weißer Fisch in blauem Oval – wer hat es schon gesehen?) geachtet werden. Dass Aquakulturen in Massenhaltung keine (ökologische) Lösung der Verknappungskrise darstellen, zeigt auch Franz Kohout, der insbesondere die globalen Machtverhältnisse auf den Meeren beleuchtet. Ein Problem sei demnach auch der große Bedarf an Fischmehl für die Fütterung.

 

Nachdenklich stimmen sollten überdies die Ausführungen von Bernhard Malunat, der die Zerstörung des „Oikos des Meeres“ durch industrielle Ablagerungen (von Ölresten bis versenkten Atom-U-Booten) sowie die unberechenbaren Folgen der Klimaerwärmung auf die Meere beschreibt. Ein Horrorszenario ergäbe sich aus der Freisetzung des unterirdischen Methans aufgrund der Erwärmung der Meere, das derzeit durch Druck und Kälte in einem Gashydrat verfestigt lagert (Schätzungen gehen von 12 Billionen Tonnen aus, was der doppelten Menge aller übrigen bekannten fossilen Öl-, Kohle- und Gasvorräte entspricht). Bernhard Mayerhofer lenkt in seinem programmatischen Beitrag „Republik der Fische“ die Aufmerksamkeit schließlich auf das Tierleid, das den Fischen durch die brutalen Fang- und Verarbeitungsmethoden zugefügt wird. Wir ertragen dieses nur, so Mayerhofers Überzeugung, weil die Fische „nicht vor unseren Augen verenden oder getötet werden, sondern im Verborgenen“.

 

Ein aufrüttelnder Band, der auf einen noch weitgehend blinden Flecken unseres industrialisierten Ernährungsstils hinweist. H. H.

 

Meer ohne Fische. Profit und Welternährung. Hrsg. v. Peter Cornelius Mayer-Tasch. Frankfurt: Campus, 2007. 232 S., € 19,90 [D], € 20,50 [A], sFr 34,90

 

ISBN 978-3-593-38350-7