Im November 1996 veranstaltete die "Stiftung Lesen" gemeinsam mit anderen Trägern einen Kongreß, der die einseitige Fixierung der öffentlichen Diskussion auf die technisch-wirtschaftlichen Fragen der Neuen Medien überwinden und die Frage in den Mittelpunkt stellen wollte, wie es dem Menschen in der neuen informationellen Umwelt ergeht. Die Dokumentation dieses hochkarätig besetzten Kongresses liegt nun in Buchform vor.

In einem ersten Abschnitt wird die Bedeutung der Lesekultur für eine demokratische, Gesellschaft erörtert (Wolfgang Schäuble), die Kulturverträglichkeit der Neuen Medien analysiert und Lesefähigkeit als Voraussetzung zu ihrer konstruktiven Bewältigung postuliert (Jörg Tauss) sowie kulturhistorisch belegt. daß die mit dem Lesen verbundene Interpretation aus Information erst Wissen macht. Wie Herbert Henzler darlegt, ist diese Kulturtechnik auch gegenüber den Neuen Medien unentbehrlich.

In einem zweiten Abschnitt gehen vier Beiträge der Lese- und Medienkompetenz als Schlüsselqualifikation für künftige Arbeitsmärkte nach. Jürgen Jeske prognostiziert die Volkswirtschaften der Zukunft als Wissensökonomien, Gisa Schultze-Wolters stellt das Konzept des lebenslangen Lernens dar, Volker Schwarz legt Überlegungen zur ökonomischen Bedeutung der Lese- und Medienförderung vor, und Frank Wössner beschreibt die Zusammenhänge zwischen Lese- und Medienkompetenz.

Ein dritter Abschnitt ist wissenschaftlichen Aspekten der Sprach- und Lesefähigkeit gewidmet. u.a. werden Störungen der Sprachentwicklung und die Rolle des Lesens in der Therapie referiert {Manfred Heinemann, Gerd Lehmkuhl), Die Beiträge des letzten Abschnitts beleuchten Perspektiven der Medienerziehung im Kontext der kommenden Informationsgesellschaft. Gert Haedecke weist nach, daß   I  PRO  ZUKUNFT  3.98  die Neuen Medien von der Infrastruktur eines guten Buches noch viel lernen könnten. Hans Heiner Boelte warnt vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft der Informations-Besitzer und -Habenichtse. Klaus Haasis stellt sieben Thesen zur Entwicklung unserer Kulturtechniken auf und sieht Multimedia als Querschnittsaufgabe.

Kongreß und Band schließen mit einer Resolution, die Maßnahmen für die Entwicklung einer angemessenen Sprach-, Lese- und Medienfähigkeit insbesondere bei Kindern und Jugendlichen fordert und für einen Bildungsbegriff eintritt, in dem kognitive und emotionale Aspekte in Balance stehen. Nicht eine immer differenziertere Spezialisierung kann das Ziel sein, sondern eine breite Grundbildung mit Urteilsfähigkeit. Differenzierungsvermögen, Gefühl für Werte, geistige Mobilität und Eigenständigkeit, sozialer Kompetenz und Verständnis für andere Kulturen und Traditionen.

W R.

Lesen in der Informationsgesellschaft Perspektiven der Medienkultur. Hrsg. v. Klaus Ring ... Baden-Baden: Nomos, 1997.160S., DM 38,- / sFr 35,50 / öS 271,-