Zwei Jahre nach dem Krieg der UN-Alliierten gegen den Irak ist die aktualisierte Übersetzung von Paul Virilios außergewöhnlichem Kriegstagebuch (frz. L'Ecran du Desert, 1991) erschienen. Virilio, Schriftsteller, Architekt und zugleich Begründer der Ecole d'Architecture Specials in Paris, erkennt im Golfkrieg den "ersten totalen elektronischen Krieg der Geschichte", mit dem ein neues Kriegszeitalter beginnt. Es ist der Krieg in „Echtzeit" mit einer in dieser Form bisher unbekannten „Informationsfront" . Neben der besonderen Bedeutung von elektronischen Waffen und Überwachungssystemen nehmen die elektronischen Medien, vor allem das Fernsehen als "Augendroge", zentrale Rollen ein. Durch die permanente, unreflektierte und zudem noch zensierte Direktübertragung von Bildern aus der Kriegsregion werden die weltweiten Zuschauerinnen (und die Kriegsparteien!) zu Opfern eines "medialen Drills", der sie trotz faktischer Passivität in einen Zustand der Interaktion versetzt. Dieser Medienkrieg, dem durch einen neuen Berufskodex der Presse entgegengewirkt werden müßte, hat nach Virilios anschaulicher, gut recherchierter und zugleich abstrakter Analyse Testcharakter: bezüglich der High-Tech-Waffensysteme, der gescheiterten Abschreckungsdoktrin und der gezielten Störung der Wahrnehmung. Die Möglichkeit zukünftiger nicht-konventineller Kriege wird warnend hervorgehoben und umfaßt auch den post-industriell bedingten Waffengang gegen die Natur und die Wahrheit. M. K.

 Virilio, Paul: Krieg und Fernsehen. München (u.a.): Hanser-Verl., 1993. 1605., DM 34,- / sFr 28,80 / öS 265