image014Stellen Sie sich vor, Sie sind als Delegierte(r) mit Verantwortung und Entscheidungsgewalt Teilnehmer der internationalen Klimakonferenz. Sie befinden sich mitten drin im Geschehen und können nun also das Weltklima retten oder auch nicht. Sie hasten von einem Meeting zum Nächsten, hören Vorträge und Diskussionen und müssen dann die zahlreichen widerstreitenden Interessen abwägen und für ihr Land das Beste herausholen. Aber stopp: Bei dieser netten Geschichte handelt es sich nicht um ein reales Szenario, sondern um ein Live-Rollenspiel, inszeniert von dem deutsch-schweizerischen Theaterkollektiv Rimini Protokoll, das am 21.11.2014 im Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Bemerkung am Rande: Nur ganz wenige Vorführungen erreichten das notwendige Klimaziel. (www.rimini-protokoll.de/Projekte/Welt-Klimakonferenz)

Auch in der Reihe "politische ökologie" für Querdenker und Vordenkerinnen geht es um Klimaschutz bzw. darum, ob ein neues globales Abkommen zustande kommen wird. Bislang fehlte der politische und gesellschaftliche Wille, konsequent auf einen Niedrigemissionspfad einzuschwenken. Nun mehren sich aber Anzeichen zumindest bei den Autorinnen und Autoren des Themenschwerpunkts "Klimaschutz", die zu vorsichtigem Optimismus Anlass geben: Frankreich hat im Vorfeld des Pariser Klimagipfels beschlossen, den Anteil an Atomstrom deutlich zu senken und den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Papst Franziskus ruft Menschen in aller Welt auf, die Umwelt zu schützen, ein gesünderes Leben zu führen und die Armut zu überwinden (s. Nr. ). US-Energieminister Ernest Moniz hofft beim Weltklimagipfel in Paris auf den großen Durchbruch, rechtfertigt aber gleichzeitig die Fracking-Strategie der USA. In China wurde letztes Jahr erstmals seit Jahrzehnten weniger Kohle als im Vorjahr verbrannt (vgl. germanwatch.org). Die Europäische Kommission erwägt gar die Einführung verpflichtender regionaler Vorgaben für Ökostrom und CO2-Einsparungen. (Kafsack/ Mihm, 31.8. 2015 auf faz.net) Nicht zuletzt haben sich die Staats- und Regierungschefs im vergangenen Jahr darauf geeinigt, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent (verglichen mit 1990) zu senken, den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch bis dahin auf 27 Prozent und die Energieeffizienz ebenfalls um 27 Prozent zu steigern (vgl. S. 22). Laut Kaiser/Mittler gibt es 2014 im Vergleich zu 2007 bereits 15-mal mehr Solarenergie und dreimal mehr Windenergie (S. 24). Oslo, Stockholm und Kopenhagen haben sich beispielsweise das Ziel gesetzt, 100-Prozent-Erneuerbare-Städte zu werden. Nicht zuletzt halten die Autoren eine 100-Prozent-Erneuerbare Welt für möglich.

Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie einer der Vorsitzenden der AG III des Weltklimarats IPCC, mahnt, nicht länger auf Emissionsreduktionen zu warten, denn der Bericht des IPCC zeige, dass das Zwei-Grad-Ziel grundsätzlich erreichbar sei (vgl. S. 30). Einen Blick auf die Argumente, wie sie von Klimaskeptikern vorgebracht werden, werfen Jens Soentgen und Helena Bilandzic. Beide haben sich 97 klimaskeptische Sachbücher angesehen, die zeigen, dass bei den Klimaskeptikern die Emotionalisierungsstrategien greifen, die wiederum eine sachliche Auseinandersetzung erschweren (vgl. S. 42). Christian Hey  sieht in einer anspruchsvollen Klima- und Energiepolitik der EU die Chance, Impulse gegen die Wirtschaftskrise zu setzen. "Dies wird nur gelingen, wenn sich die wirtschaftspolitische Stimmung in Deutschland von der nationalen Sparsamkeitsdoktrin befreit und Deutschland seine faktische Schlüssel- und Lokomotivrolle für den gesamten Euroraum begreift." (S. 50) Nicht zuletzt geht es in den Beiträgen um individuellen Klimaschutz und die bereits oben erörterte Frage, warum es Politik und Verbrauchern trotz besseren Wissens so schwer fällt, Lebensqualität und Nachhaltigkeit auf einen Nenner zu bringen.

In weiteren Abschnitten werden Spannungen zwischen internationaler Klimapolitik und der Zivilgesellschaft ebenso besprochen wie Internationale Klimaclubs (s. a. Joachim Betz/Babette Never: Der Pariser Klimagipfel wird scheitern, 20.5.2015 Zeit online) als Alternative, wenn gar nichts mehr geht. Wir wissen längst, dass Appelle wenig bringen. Trotzdem versuchen es Hans J. Schellnhuber und Daniel Klingenfeld mit einem Aufruf sowohl an die Industrieländer, die kaum Verantwortung übernehmen wollen, als auch an die Entwicklungsländer, die nicht vom fossilen Modell lassen wollen. Abschließend fordern beide endlich politische Führungsstärke und zivilgesellschaftliche Impulse "von unten" für die Stabilisierung des Klimas. Davon werde es abhängen, "ob laue Kompromisse den Schlusspunkt bilden oder ob die Verantwortung für die Welt, in der wir leben und die wir hinterlassen, zum Tragen kommt." (S. 111) Inzwischen haben die Industriestaaten zugesagt (beim Klimagipfel 2010 in Cancún), einen Klimafonds mit einem jährlichen Volumen von 100 Mia. Dollar ab dem Jahr 2020 einzurichten. Das Geld soll Entwicklungsländern für die Bewältigung der Lasten für Klimaschutz und Klimaanpassung zur Verfügung stehen (vgl. 8.10. 2015, www.spiegel.de) Alfred Auer

Bei Amazon kaufenKlimaschutz. Neues globales Abkommen in Sichtweite? München: oekom-Verl., 2014. 145 S. (politische ökologie) € 17,95 [D], 18,40 [A] ; ISSN 0933-5722