David Graeber wurde bereits in der Nummer 2/2012  von pro Zukunft als Historiker der „Schulden“ vorgestellt. In seinem Buch „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“ ist er weniger Historiker und mehr politischer Theoretiker, der Alternativen zum herrschenden System vorstellen will. Das Buch versammelt Essays, die in den Jahren 2004 bis 2010 erschienen sind. Eine erste Version des Buches war 2009 in Athen erschienen, seit 2012 liegt es, erweitert unter anderem mit einer umfassenden Einleitung, auf Deutsch vor.

 

Die Alternativen müssen nun diskutiert werden, weil der Kapitalismus an einem für uns alle spürbaren Ende angekommen sei, meint Graeber. Besonders spürbar sei dieses Ende für die Mächtigen, denen viel mehr bewusst sei, dass „das gesamte System nur noch am seidenen Faden“ hing. (S. 11). Die Essays bebildern ein dramatisches Jahrzehnt. Graeber stammt aus der „Anti-Globalisierungsbewegung“, die besser als Bewegung für globale Gerechtigkeit bezeichnet wird. Diese Bewegung der späten 90er-Jahre hatte in der Folge von 9/11 im Jahr 2001 an Bedeutung verloren. Die Finanz- und Wirtschaftskrise am Ende des Jahrzehnts bedeuteten nun aber eine massive Schwächung der herrschenden Auffassung, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte darstellen werde. Graeber selbst ist heute in der Occupy-Bewegung aktiv.

 

Die Essays lassen sich mit Gewinn lesen. Sie waren zum Zeitpunkt des Erscheinens engagierte Beiträge, die motivierend wirken wollten. In den hier zusammen gestellten Texten treffen wir auf den „Campaigner“ Graeber, im Buch „Schulden“ hatten wir den Analytiker vor uns.

 

 

 

Keine Alternativen

 

Das Buch hält jedoch nicht das Versprechen, „Alternativen zum herrschenden System“ aufzuzeigen. Bestenfalls sind Skizzen zu finden, was an die Stelle des Kapitalismus treten solle. „Im Grunde genommen meint Kommunismus eigentlich nur eine beliebige Situation, in der Menschen nach dem Grundsatz `Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen´ handeln. Genau auf diese Weise handeln die allermeisten Menschen sowieso, wenn sie etwas gemeinsam erledigen wollen.“ (S. 65) „Der Kommunismus an sich ist folglich bereits vorhanden. Die Frage ist nur, wie wir ihn weiter demokratisieren können.“ (S. 66)

 

In seinem Essay „Der Schock angesichts des Sieges“ erinnert Graeber in der Art des Schreibens stark an Robert Jungk. Dieser hatte immer wieder Ideen und Erfahrungen zusammengetragen, die in der alternativen Bewegung entstanden waren. Dabei vermittelte Jungk den Optimismus, aktiv zu werden. Das tut Graeber auch. Er listet die Erfolge der Anti-Atomkraft-Bewegung auf, die den Ausstieg vieler Staaten aus dieser Technologie erreichte. Und er erinnert an den Deutungsverlust der neoliberale Wirtschaftsdoktrin, der viel mit der Kritik aus der (Anti-)Globalisierungsbewegung zu tun hat. Graeber kommt zum Schluss, dass das größte Problem für Bewegungen der direkten Aktion folgendes ist: „Wir wissen nicht, wie wir mit Siegen umgehen sollen“. (S. 25) S. W.

 

Graeber, David: Kampf dem Kamikaze Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System. München: Pantheon Verlag, 2012. 192 S., € 12,99 [D], 13,44 [A], sFr 18,20

 

ISBN 978-3-570-55197-4