Die von Hochwassern und Muren begleiteten Regenfälle des vergangenen Sommers haben auch in unseren Breiten der These von der wachsenden Gewalt der Natur medialen Auftrieb beschert. Wird, so ist zu fragen, die Natur gewalttätiger? Sind Regenfälle, Klimaerwärmung oder Ozonloch die Vorboten einer Bedrohung von globalem Ausmaß oder sind mit dem Blick auf die Geschichte auch für die Zukunft nicht doch andere Schlüsse zu ziehen? Wertvolle Beiträge zu diesen Fragen steuert der an der Universität Innsbruck lehrende Sozial- und Wirtschaftshistoriker Josef Nussbaumer bei. Er legt eine auf zahllose Quellen fußende und in dieser Dichte wohl erstmals verfügbare Chronik in drei Abschnitten vor und setzt sich darüber hinaus mit Aspekten der Definition und Bewertung von Naturkatastrophen auseinander. Teil 1 der Chronik enthält eine Aufstellung der zwischen 1500 und 1849 weltweit verzeichneten Erdbeben und Vulkanausbrüche, (Wirbel)Stürme, Flutwellen, Kälte- und Hitzewellen, Dürren u.a., "Ereignisse" mehr, die jeweils mehr als 100Todesopfer forderten - wobei der Autor einleitend auf die Problematik dieser Quantifizierung eingeht und insgesamt 12 Argumente im Kontext der statistischen Aufbereitung der Materie diskutiert (widersprüchliche bzw. ungenaue Datenangaben, Schwierigkeit der Abgrenzung von Natur- und Zivilkatastrophen,  mediales Interesse u.a.m.) ln Teil 2 werden Bedrohungspotential und Ausmaß einiger Varianten an Einzelbeispielen erörtert und Möglichkeiten der Prävention diskutiert. (Interessant etwa der Hinweis, daß Schätzungen zufolge schon die Ankündigung eines Erdbebens in der Region von Los Angels an die S.000 Menschenleben kosten würde) Differenzierter und V.a. aufgrund der verbesserten Quellenlage verläßlicher, faßt Teil 3 Daten über Gewaltausbrüche der Natur in der Zeit von 1850 bis Mitte 1996 zusammen. Die Befunde Nussbaumers fallen dabei unterschiedlich aus. Heißt es etwa in der Chronik, daß die Natur in den letzten Dezenien "wesentlich zahmer geworden" ist (S. 11), so weist die gemeinsam mit H. Winkler erstellte Studie (S.3) für die zweite Hälfte des Jahrhunderts deutlich höhere ”Katastrophendichte" (mit 65% aller Stürme und 72% aller Überschwemmungen nach). Deutlich wird hingegen der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Betroffenheit: Die 1.422 (in der Studie auch statistisch vielfältig beleuchteten) Katastrophen der letzten 100 Jahre mit 30 - 60 Mio. Toten (!) entfallen großteils auf die Dritte Welt. Während "dort in den letzten 25 Jahren etwa gleich viele Ereignisse stattgefunden haben wie in den letzten 75 Jahren davor", gab es in Ländern hohen Einkommens in den letzten 40 Jahre nicht eine "große Katastrophe" (> 10.000 Tote) - Trotz mancher Unklarheiten im Detail zwei faktenreiche, in vielen Facetten Vorurteile korrigierende Studien. Auf die in Aussicht gestellte Chronologie von Zivilkatastrophen darf man gespannt sein. W. Sp.

Nussbaumer, Josef: Die Gewalt der Natur. Eine Chronik der Naturkatastrophen von 1500 bis heute. Grünbach: Ed. Sandkorn, 1996. 346 S.,DM / sFr 53,50/ öS 348

Nussbaumer. Josef: Winkler. Helmut: Wird die Natur gewalttätiger? Die Bilanz der letzten hundert Jahre. Empirische Implikationen zur Naturkatastrophenforschung. Innsbruck: Univ; Inst f. Wirtschaftstheorie u. Wirtschaftspolitik 1996. 73 S. [Diskussionsbeiträge]

 

Weiterführender Literaturhinweis: Eldredge, Niles: Wendezeiten des Lebens: Katastrophen in Erdgeschichte und Evolution: Frankfurt/M.: Insel Verl., 1997. 307 S. [1994 in deutscher Sprache bei Spektrum Akademischer Verl., Heidelberg].