Mit seinem Essay will Joscha Schmierer "weder nach der europäischen Identität fragen noch für Europa als Utopie werben". Vielmehr beabsichtigt der Redakteur der Zeitschrift" Kommune", auf den radikalen Bruch mit der imperialen Vergangenheit Europas aufmerksam zu machen, die die Bemühungen um die europäische Integration faktisch bedeuten. Nach Ansicht des Autors entspringt die Einigung Europas einerseits der Entkolonialisierung der europäischen Weltreiche und andererseits der Zerschlagung des Deutschen Reiches. Für Schmierer haben die Länder Europas daher nur die Wahl zwischen der Europäischen Union oder der Wiederaufnahme der imperialen Geschichte. Die Demokratisierung Europas sei ohne die Bildung von EWG und EU nicht denkbar. Die westeuropäische Integration ist für ihn ein wesentlicher Faktor für die Auflösung des letzten europäischen Imperiums, die Sowjetunion. Daneben hänge die Ausbildung der parlamentarischen Demokratie aber auch mit der Umwandlung einer vorwiegend bäuerlichen in eine überwiegend lohnabhängige Gesellschaft zusammen. Deshalb plädiert der ehemalige Chef des KBW für eine entschlossene Fortsetzung der europäischen Einigung. In den gegenwärtigen Schwierigkeiten und Defiziten, auch in Bezug auf den EURO, dessen politische und wirtschaftliche Risiken er sehr wohl erkennt, sieht Schmierer lediglich Übergangsprobleme. Zu deren Überwindung sollten vor allem die europäischen Metropolen und die internationalen Unternehmen als ergänzende Verstrebungen zu den bestehenden Institutionen der EU beitragen. Insgesamt ein eher schwammiger Essay, dessen Plädoyer für die Fortführung der europäischen Integration im Konkreten vage bleibt und zugleich auf wenig tragfähigen Fundamenten gebaut ist. Weshalb der EURO zur Fortführung der europäischen Integration überhaupt nötig ist, wird ebenso wenig schlüssig belegt wie die These, daß der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums etwas mit der Herausbildung und Entwicklung der EU zu tun hat. Und wer die Umwandlung bäuerlicher Gesellschaften in lohnabhängige Industriegesellschaften als Grundbedingung zur Entstehung von parlamentarischer Demokratie deutet, der muß natürlich einer Fortsetzung der Vernichtungspolitik der Brüsseler Eurokraten gegenüber den bäuerlichen Existenzen de facto das Wort reden. Ein typischer Aufsatz aus der Sicht eines "urbanen Intellektuellen". Die Stadt als das Maß aller Dinge. E. H.

Schmierer, Joscha: Mein Name sei Europa - Einigung ohne Mythos und Utopie. Frankfurt/M.: Fischer, 1996. 207 S.