Jahrbuch Nachhaltiges Wirtschaften

Ausgabe: 2001 | 4

Jahrbuch Nachhaltiges WirtschaftenEs gehört eine große Portion Mut und Ausdauer dazu, um sich seit fast dreißig Jahren regelmäßig im Rahmen des „Theoriearbeitskreises Ökonomie“ zu treffen (und vierteljährlich dazu einen Rundbrief herauszugeben - näheres im www.leibi.de/takaoe). Und dies in homöopathisch wirksamen Dosen ohne ethisch religiöses Pathos, transportiert von Prominenten aus Politik, Religion und Wirtschaft (wie es etwa Hans Küng in „Globale Unternehmen - globales Ethos“ (s. Nr. 343 vermittelt).


Wenn Rolf Schwendter, einer ihrer Basispioniere, sich in seinem Beitrag mit der „Negation der Globalisierungstendenzen“ auseinandersetzt, erinnert er an diese mühsam erarbeiteten und in die Praxis kleiner Projekte umgesetzten Konzepte. Nicht nur für ihn ist „alternative Ökonomie“ mit Begriffen wie „Selbstverwaltungswirtschaft, Selbsthilfegesellschaft, soziale, nachhaltige bzw. solidarische Ökonomie und regionale Wirtschaftsentwicklung“ untrennbar verbunden (S. 40). Gerade auch, weil im Sog der Wendepolitik nach 1989 Konzepte wie der „Dritte Weg“ und Prinzipien wie (internationale) Solidarität durch lancierte Medienkampagnen - im Auftrag von (angeblich ökosozialen) Marktwirtschaftslobbies - als obsolet und nicht praktikabel erklärt wurden.


Nun, da die Folgen der „Sanierung“ des Ostteils von Deutschland unübersehbar werden   und jene in den östlichen EU-Beitrittskandidaten absehbar sind  , ist es hoch an der Zeit, prophylaktisch Schadensbegrenzung zu fordern und wenigstens in den kleinen, überschaubaren Einheiten dafür Vorsorge zu treffen. Dazu finden sich in diesem Jahrbuch eine Reihe von Berichten über ermutigende Projekte aus Deutschland und den Niederlanden. Damit schließen sich diese Basisprojekte den globalisie-rungskritischen internationalen Bewegungen wie dem Netzwerk „Peoples' Global Action“, ATTAC, Pierre Bourdieus „Raisons d' agir“ und den „Europäischen Mär-schen für soziale Grundrechte“ (vgl. S. 195 - 211) an.


Der neoliberale Schwenk von der Ausbeutung von Rohstoffen und dem Export materieller Güter hin zum Zugriff auf Ideen, Güter- und Dienstleistungen schließt auch den „Werteexport“ (transportiert auch durch Massenmedien) in die zunehmend nicht nur materiell, sondern auch geistig ausgebeuteten Armutsregionen ein. Die „Osterweiterung“ nach dem vorherrschenden Modell könnte damit einen raffiniert verfeinerten Kolonialismus etablieren, der selbstorganisierte und emanzipatorische Modelle zumindest be-, wenn nicht gänzlich verhindert. Die kürzlich bekannt gewordenen Dimensionen von Konkurs- und Kapitaldelikten, Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug und fingierten Warenbestellungen in etablierten Wirtschaftsunternehmen Deutschlands, die sich seit 1993 verdoppelt haben und nach Schätzungen im Jahr 2000 ein Zehntel des Bruttosozialproduktes betrugen, zeigen auf, wo die Gelder für den längst überfälligen Umstieg auf sozial- und umweltverträgliche Strukturen zu holen wären – ganz abgesehen von der Ebene der transnationalen Finanzströme! Selbst radikale Umstellungen im Finanzbereich ersetzen nicht die „Mühen der Ebenen“, wie sie die „alternativen Ökonomen“ um Rolf Schwendter schon ab 1978 in drei Sammelbänden dokumentiert haben). M. Rei.

Bei Amazon kaufenSchindowski, Waldemar; Voß, Elisabeth:Jahrbuch Nachhaltiges Wirtschaften. Neu-Ulm: AG SPAK, 2001, S. 341. (AG SPAK Bücher; M 145) € 17,38 / DM / sFr 34,- / öS 240,-