Dem "diffusen Gebrauch" des Begriffs entgegenzuwirken, Facetten interdisziplinärer Forschung abzuklären sowie Chancen und Grenzen der weiteren Entwicklung fächerüberschreitender Wissenschaft zu diskutieren, ist Ziel dieser Arbeit, die 1989 an der Universität als Dissertation vorgelegt wurde. Die Autorin reflektiert einleitend den allgemein als notwendig erachteten Brückenschlag zwischen den Wissenschaften, der in Anbetracht von weltweit täglich mehr als 17000 Veröffentlichungen (1986) der Zersplitterung der Wahrheit (C. F. v. Weizsäcker) entgegenwirken soll. Dabei wird nicht die Überwindung des Spezialistentums, sondern das gemeinsame Interesse am "Gesamtgegenstand " als Zielvorgabe genannt. Der Erörterung einiger Systematisierungsvorschläge von Interdisziplinarität (Jantseh, Lenk, Vosskamp) lässt Hübenthal den Vorschlag zur Unterscheidung von "Ergänzung" und "Verflechtung" folgen. Der umfassendste Teil der Untersuchung ist dem Bemühen um den Nachweis interdisziplinärer Forschung in der Praxis gewidmet. Dabei werden "supradisziplinäre" Wissenschaften (Philosophie, Logik, Mathematik und strukturelle Ansätze), Interdisziplinarität im engeren Sinn (Bionik, Ökologie, Politologie u.a.) sowie transdisziplinäres Denken (die Verbindung von Geistes- und Naturwissenschaften) unterschieden und im Einzelnen knapp dargestellt. Derart wird zwar deutlich, dass Einzeldisziplinen immer wieder auf Kenntnisse anderer Bereiche zurückgreifen, doch sind die Erwartungen und Forderungen an das Konzept fächerüberschreitender Diskurse damit noch nicht eingelöst. In der Einsicht, dass u. a. sprachliche und institutionelle Barrieren der" Entwicklung eines theoretisch bis ins letzte Detail ausgearbeiteten integrierenden Ansatzes" entgegenstehen, wird die verstärkte "Bereitschaft zur Auseinandersetzung" gefordert.  Bezeichnenderweise sind der Zukunftsforschung an dieser Stelle nur einige Zeilen gewidmet. In Richtung einer prospektiven Bestandsaufnahme wären gerade auch deren Vorschläge hinsichtlich schulischer und universitärer Reformen zu reflektieren, auch wenn dies nicht im Rahmen dieser Arbeit geleistet werden konnte und sollte.

Hübenthal, Ursula: Interdisziplinäres Denken. Versuch einer Bestandsaufnahme und Systematisierung. Stuttgart: F. Steiner, 1991. 190 S., DM 58,-/ sFr49,20 / öS 452,40