Der steigende Zugriff auf die Zukunft verlangt immer schneller nach neuen Erklärungen - die "Industrie der geistigen Beratung, der Trendprognose, der Erklärung von Kräften, die den Alltag steuern" (S. 7f.) boomt. An Stelle seriöser Meßtechnik und wissenschaftlicher Methoden tritt dabei, so der „Trendforscher" Holger Rust, die Augenblickserfindung, die sich schnell vermarkten läßt. "Kaum formiert sich ein Gedanke, schon ist er ein Buch." (S.38)

Rust versucht, den Spuren der Branche zu folgen und ihre zum Teil abenteuerlichen Schlußfolgerungen nachzuvollziehen. Wie schon in seiner „Trendkritik" aus dem Jahr 1995 bleibt.er auch diesmal den Protagonisten der Zunft nichts schuldig: Schonungslos deckt er Arbeitsweisen, Vermarktungstechniken und Spitzfindigkeiten eines John Naisbitt, einer Faith Plotkin (Popcorn), eines Gerd Gerken oder eines Matthias Horx, um nur die bekanntesten zu nennen, auf. Seine Kernkritik besagt, daß nichts konservativer ist als die populistische Trendforschung. Einige Prognosen (etwa die Asienträume John Naisbitts) verflüchtigen sich angesichts der jüngsten Börsenturbulenzen ohnehin von selbst. Auch dessen These von der "Weltmacht der kleinen Akteure" wiederlegt der Autor mit Zahlen und Fakten zur jüngsten Fusionswelle der Weltkonzerne.

Und was ist mit Blick auf den gegenwärtigen Arbeitsmarkt davon zu halten, wenn F. Popcorn "jubelnd über die Chance der Arbeitslosigkeit parliert? Entscheidend ist für Rust letztlich aber nicht die Kritik, sondern die Darstellung, "wie eine andere, komplexere Sichtweise der Entwicklungen aussehen könnte". (S. 11) Für ihn geht die Entwicklung insgesamt in Richtung einer Durchmischung des Privaten und des Öffentlichen, von Solidarität und Distanz, es geht um androgyne Kultur und nicht darum, Polarisierungen aufzubauen. Nach einer KlarsteIlung der wissenschaftlichen Methode der ”Contentanalyse" versucht er, in "vier Schritten auf dem Weg zum klaren Denken" seine Vorstellungen einer künftigen Entwicklung grob zu umreißen.

Es geht dabei um die Kompetenz, das Vorgefundene überhaupt zu sehen (Beschreiben), in seinen Zusammenhängen zu erfassen (Verstehen), aus seinen Entstehungsbedingungen logisch abzuleiten (Erklären)und, daran anschließend, unter klar angegebenen Bedingungen wahrscheinliche, wünschenswerte oder unliebsame Zukunftsbedingungen (Prognose/Zielbestimmung) zu formulieren. Abschließend plädiert Rust für "wildes Denken" (das durchaus seine innere Logik hat) und für Mut zu "anderer Zukunft", die ohne Phantasie freilich nicht zu haben ist.

A. A.

Rust, Holger: Das Anti-Trendbuch. Klares Denken statt Trendgemunkel. Wien: Ueberreuter, 1997. 192 S., DM 38,- / sFr 37,- / öS 278,-