In Anknüpfung an das Buch "Die Mutation des Bewußtseins" (1980), in weichem der Arzt und Analytiker Obrist Grundmuster archaischen Weltverstehens erörterte, diskutiert er nun die Sinnkrise der Gegenwart und Anzeichen eines neuen Bewußtseins. Die Tiefenpsychologie C. G. Jungs, der selbst um die Jahrhundertwende "eine religiöse, welterfassende Bewegung'" für wahrscheinlich hielt, die den "teuflischen Zerstörungsimpuls (des Menschen) auffangen kann", liefert dazu das methodische Rüstzeug.

In den Symptomen allgemeiner Orientierungslosigkeit und umfassenden Wertzerfalls sieht der Autor das Ende einer verbindlichen Religion, die er als soziokulturelles 'Gebilde versteht, in welchem "für die archaische Weitsicht typische Vorstellungen, Verhaltensformen und Muster der Gemeinschaftsbildung Gestalt angenommen haben". Dagegen setzt er die Religiosität, " ... eine Haltung, die für ganzheitliches Menschsein unabdingbar ist, und die deshalb durch die Evolution des Bewußtseins zwar modifiziert, nicht jedoch überholt werden kann". Im "Hereinklappen der metaphysischen Welt" zeigt sich neues Bewußtsein nicht nur als Wunsch oder gesellschaftliche Utopie, sondern ist schon heute real existent. Sein Zentrum - "der innere Meister" - ist in Jungscher Terminologie das objektivierbare Selbst, das, umgeben vom kollektiven Unbewußten, zur schrittweisen Auflösung der Homo-faber-Mentalität führt, und auf diese Weise Ratio und Gefühl von neuem auf höherer Stufe vereint.

Um die erwartete Ganzheitlichkeit tatsächlich auch im abendländischen Kulturkreis zu erreichen, empfiehlt der Autor, sich des „Know-Hows der spirituellen Schulen" zu besinnen. Damit ist nicht die unreflektierte Übernahme sektiererischer Praktiken gemeint - sie sind ja Ausdruck der Orientierungslosigkeit; Ziel ist vielmehr die Ausbildung einer Kultur des Gewissens auf der Grundlage gesteigerter Individuation. Da diese objektivierbar, und nicht subjektiv, ichbezogen bleibt, sieht Obrist gute Gründe dafür, der Zukunft trotz unübersehbarer Krisen positiv und zuversichtlich entgegenzublicken.

Eine verständliche, sachlich fundierte Darstellung, die in umfassender, interdisziplinärer Reflexion um Ganzheitlichkeit bemüht ist. Sie ist Ausdruck eines zivilisatorischen Paradigmenwechsels in dessen Mitte wir - vielfach unbemerkt - schon heute stehen.

Obrist, Willy: Neues Bewußtsein und Religiosität. Evolution zum ganzheitlichen Menschen. Olten (u. a.): Walter Verl., 1988, 340 S. DM 38,- / sfr 35,- / öS 273,60