"Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung - nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat.“ Daß Hartmut von Hentig, einer der prominentesten und zugleich produktivsten Kritiker herkömmlicher pädagogischer Institutionalisierung und ihrer Repräsentanten, alles andere als die "gedankenlose Gleichung ,Bildung = das Ergebnis der Pflichtschule'" im Sinn hat, liegt nahe. Die Herausforderung reicht viel tiefer, denn selbst die Kanonisierung von Bildungsgütern, die Entscheidung für ein bestimmtes Menschenbild und selbst die Analyse gegenwärtiger und zukünftiger Lebensverhältnisse sind der Bildung, so der Verfasser, nicht förderlich. Daß Bilden vor allem sich bilden, und damit verbunden, die Anregung dazu bedeutet, daß alle Kräfte des Menschen sich entfalten, um die Aneignung von Welt in wechselhafter Ver- und Beschränkung zu ermöglichen - diese Auffassung teilt der Autor mit Wilhelm v. Humboldt. Ziel von Bildung ist beiden "die sich selbst bestimmende Individualität", die als solche "die Menschheit bereichert". Da nicht die Schule, sondern das Leben bildet "die Schule hat aus Bildung Schulbildung gemacht" - und alle "Menschen der Bildung bedürftig und fähig" sind, sieht v. Hentig "in der Rückkehr zur Bildung einen pädagogisch gebotenen Fortschritt". Daß sie darüber hinaus einen grundlegend anderen Charakter haben müsse, nämlich "Anlässe für Einsicht und Freude" bieten soll, wird in der Tat zu wenig bedacht. An möglichen Maßstäben, nicht Zielen (!) von Bildung werden benannt: Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit/Die Wahrnehmung von Glück/Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen/Ein Bewußtsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz/Wachheit für letzte Fragen und schließlich die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica. Geschichten (am besten erzählte), das Gespräch, das Gefühl für die eigene und fremde Sprache(n), Theater, Naturerfahrung, Politik und (auch den Kindern zumutbare) sinnvolle Arbeit, Politik und die Bereitschaft zum Aufbruch als Möglichkeit der WeIterfahrung skizziert v. Hentig als "geeignete Anlässe", Bildung erlebbar zu machen. Als wünschenswerte Folgen dieses Ansatzes plädiert der Autor u. a. für eine Neugliederung des Bildungssystems (u. a. mit der einer Angleichung von Sekundarstufe und Gymnasium sowie der Einrichtung eines eigenständigen Kollegs als Vorstufe der universitären Ausbildung) und die Entrümpelung der Curricula von (kurzfristig überholtem) Faktenwissen, "um aus einer Belehrungsanstalt einen Raum für bedeutende Erfahrungen zu machen". Ziel aller Unternehmungen müsse es sein, Bildung als kontinuierliche, gestufte Einführung in die polis zu begreifen mit dem Ziel, "zur immer neuen, beweglichen Herstellung von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit" beizutragen. W. Sp.

Hentig, Hartmut v.: Bildung. Ein Essay. München (u.a.): Hanser, 1996. 209 S.