Wenn Bernd Hadeler, ein Hauptschullehrer, nach 20 Dienstjahren eine subjektive Bestandsaufnahme des deutschen Schulsystems vorlegt, dann macht er das intelligent, polemisch und immer wieder auch humorvoll. Aus der Innenperspektive beschreibt der Autor die Krise des Schulsystems: im schulischen Computerraum werkeln die Kinder (und Lehrer) mit lahmen 286er PCs, während im Kinderzimmer schon Multimedia zu Hause ist; Klassen und Schulen sind von viel zu vielen großen und kleinen Menschen bevölkert; alles ist schon untersucht - doch kaum etwas real verändert; Kinder müssen ihrem Leben ferne Inhalte pauken, aber wie man lernt, lernen sie nicht. Wenig Neues zeigt diese Analyse auf, ebenso bezieht sich der Autor auf bekannte Prinzipien der Reform- und emanzipatorischen Pädagogik, wie Hilfe zur Selbsthilfe, Lernziel Selbständigkeit, das Kind als Mensch ernst nehmen, ... denn: "wenn die Seele zwischendurch nicht flattern darf, hört sie irgendwann auf, Flugversuche zu unternehmen". Intelligent und witzig aber ist das hier gezeigte lustvolle und humorige ”realpädagogische Sprachspiel" , das immer wieder aufmerken und schmunzeln läßt. So der Vorschlag, die Finanzmisere im Bildungssystem durch Spenden an Lehrerinnen zu beheben, damit Spenderinnen für das schulpolitische Entwicklungsland "BRDDR" dann wenigstens wissen, wohin ihre Gelder fließen. Oder wenn Schularbeiten vom "strafbevollmächtigten Fehlersuchgerät" (Lehrerin) angezettelte "Glücksradaktionen im LernGulag" sind, was das Dilemma des kinderliebenden Pädagogen, der Noten geben muß, ebenso treffend darstellt wie die Relativität einer Beurteilung   in Ziffern. Oder der Vorschlag eines neuen Bildungsinhaltes: "Make love not theory". indem Küssen und Streicheln geübt werden - schließlich soll dies das Immunsystem stärken und manche Medikamente überflüssig machen. S. A.

Hadeler, Bernd D.: Die Nation verläßt ihre Kinder. Eine eigenwillig-eigensinnige Betrachtung des schulsystematischen Bildungsroulettes im Schulalltag, Frankfurt/M.: AOL-Verl. (u.a.), 1996. 308 S.