Wird das Handwerk zum Hoffnungsträger für eine zukunftsfähige Wirtschaft? Dieser Frage der Herausgeberin gehen insgesamt 19 Autoren in einem Sonderheft der "Politischen Ökologie" nach. Einleitend stellt Christine Ax fest, daß das Handwerk als Wirtschaftsbereich Merkmale habe, die es aus der Perspektive der Nachhaltigkeit besonders interessant machen: Handwerksbetriebe sind in der Regel Klein- und Kleinstbetriebe und sie bedienen in erster Linie die Region. Das Handwerk zeichne sich durch eine strukturelle Nachhaltigkeit aus.

In dem abwechlungsreichen Bändchen taucht manch unerwarteter Aspekt auf. So räumt Jochen Groß, Professor für Designtheorie an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, mit dem Vorurteil auf. daß Industrieprodukte zwangsläufig billiger sein müßten als maßgeschneiderte Handwerksware. Die italienische Möbelmarke ”Op Top" bietet in Mailand individuell gefertigte Möbelstücke zu einem Preis, der angeblich 20 Prozent unter dem vergleichbarer Industriemöbel liegt. Der Grund: In einem ”Showroom" in der Innenstadt kann sich der Kunde das gewünschte Wohnungsinterieur nach eigenen Maßen aussuchen. In der Produktionsstätte am Stadtrand wird das Produkt mit Hilfe computergesteuerten Werkzeugs vom Handwerker maßgerecht hergestellt und bereits 72 Stunden später geliefert. Christine Ax beschreibt eine vergleichbare Entwicklung in der Schuhproduktion. Demnach wird der Leisten nach dem "Scannen" des Fußes mit einer neuen Software errechnet. Eine computergesteuerte Fräsmaschine fertigt den individuellen Leisten und die weiteren Teile nach Maß.

Einen anderen Aspekt beleuchtet Babette Scurell. Nicht nur im Produkt, sondern auch im Arbeitsvorgang würde Handwerk die kulturelle Dimension der "Würde in der Arbeit" erfüllen. Der ganze Mensch, Kopf und Hand seien gefragt. Wenn es gelänge, ein Paradigma der örtlichen, zeitlichen und sozialen Gebundenheit zu entwickeln und neue Technologien innerhalb einer umweltschonenden, sozial gerechten und in lokalen Kreisläufen geführten Wirtschaft zu nutzen, werde handwerkliche Tätigkeit eine große Rolle zu spielen haben. Unter dem Stichwort "Wochenmarkt statt Weltmarkt" könne es über lokale Währungen, Tauschsysteme, "Kauf-daheim"-Kampagnen u. ä. m. zu einer Stärkung der Regionen kommen, auch um den "Widerstand gegen ihre Überwältigung durch den Weltmarkt anzuzetteln". Werner Schenkel, Erster Direktor am Umweltbundesamt in Berlin, geht schließlich der Frage nach, warum es unserer Gesellschaft so schwerfallt. das umfassende Wissen über die ökologischen Probleme und die Möglichkeiten zu deren Lösung in Handeln umzusetzen. S. E. liegt die Ursache darin, daß wir nach wie vor von kollektiven Bildern und Glaubenssätzen wie "Wer rastet, der rostet" oder "Arbeit adelt", geleitet würden. Diesen überkommenen Mythen und Märchen müßten neue Leitbilder und Utopien gegenübergestellt werden. Als Beispiel nennt Schinkel die vier ”E's" von Wolfgang Sachs: Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Einfachheit.

E. H.

Werkstatt für Nachhaltigkeit - Handwerk als Schlüssel für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Hrsg. v. Christine Ax. München: ökom-Verl., 1997. 78 S. (Politische Ökologie; Sonderheft 9) DM 19,801 sFr 19,- 1 öS 145,-