Die Spannungen zwischen EU-Phorikern und EU-Skeptikern verdecken nur zu oft die Tatsache, daß die gesamteuropäische Einigung schon im 19. Jahrhundert - und natürlich auch weit früher - vorrangig in einer kulturellen und politischen, nicht jedoch so sehr einer ökonomischen Vision begründet ist. Judt, ein britischer Historiker und Frankreich-Experte, der an einer New Yorker Universität lehrt, hat dieses Europa-Buch in Wien, aus einem diametralen Blickwinkel und aus der Perspektive einer Randlage also, geschrieben. So gelingt ihm der Nachweis, daß ost- und südosteuropäische Politiker und Wissenschaftler, aber immer wieder auch Volksbewegungen wesentliche Beiträge zur europäischen Einigung geleistet haben. Berücksichtigt und integriert dies die zurzeit vorherrschende Politik des "reichen Westens"? Der Erfolg der EG/EU-Gründung liegt, so Judt, in der westeuropäischen (Wieder)Aufbau-Euphorie der frühen Nachkriegsjahre. Doch jetzt, da die meisten Länder in der Bewältigung der sozialen und ökologischen Folgen dieser Gründerzeit mehr und mehr auf ihre eigenen Krisenbewältigungsfähigkeiten angewiesen sind, verblasst die Zuversicht. Ein primär auf ökonomische Aspekte fokussiertes Europa liefert, so Judt, nicht die Lösung von politischen und sozialen Problemen, sondern schafft sie erst. Die Währungsunion werde den Kontinent spalten anstatt ihn zu einen. Der Autor bewertet die britische Skepsis gegenüber einem drohenden Zentralismus treffend, ohne jedoch in den fundamentalistischen Nationalismus mancher EU-Gegner zu verfallen. Um diesen Konzentrationstendenzen eines europäischen Bundesstaates entgegenzuwirken, setzt er ihm einen dezentralen Föderalismus nach Schweizer Muster (ähnlich wie Leopold Kohr ihn schätzte) entgegen. Während Judt sich mit den multidimensionalen soziokulturellen Faktoren der Politik differenziert und kompetent auseinandersetzt, enttäuscht er durch das fast vollständige Ausblenden der ökologischen Dimension. Diese gestörte Wahrnehmung zeigt sich auch, wenn er zur Entlastung des EU-Budgets eine radikale Rationalisierung der Landwirtschaft fordert. Dabei verdrängt er die katastrophalen Folgen des Bauernsterbens auf Lebensmittelqualität, Naturschutz und Kultur - auch ein Indikator für das Fehlen einer ganzheitlichen Politikkonzeption. M. Rei.

Judt, Tony: Große Illusion Europa. Herausforderungen und Gefahren einer Idee. München (u.a.): Hanser. 1996. 160 S., DM 29,80/sFr 28,40/ÖS 221