„Auch wenn es paradox klingen mag, in Wirklichkeit leiden heute die Armen nicht unter der Angst, ausgebeutet werden zu können. Sie befürchten viel eher, vergessen und mit ihren Problemen allein gelassen zu werden.“ So Daniel Cohen in seinem Plädoyer für mehr Kooperation „Globalisierung als politische Herausforderung“ (S. 15). Die Situation der ärmsten Länder der Erde sei nicht mit der Lage der Arbeiterschaft im Industrie-Kapitalismus zu vergleichen, sondern ähnle jener von Sozialhilfeempfängern und anderen Gruppen, die am Rande unserer Gesellschaft leben. Das eigentliche Drama der Globalisierung sind für den Autor die Erwartungen, die sie schürt und die nicht schnell genug erfüllt werden können: „Unsere neue Weltökonomie schafft einen bisher nicht gekannten Graben zwischen Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen auf der einen Seite und möglicher Realisierung auf der anderen.“ (S. 22) Da Globalisierung nicht per se mehr Wohlstand für die Armen schaffe – der Autor nennt als historisches Beispiel u. a. den britischen „Common Wealth“, der seinem Namen nie gerecht wurde –, sei politische Steuerung nötig. Als Erstes nennt Cohen den Aufbau nationaler Ökonomien und Märkte: „Ein einzelnes Land kann nicht eindimensional auf die internationale Arbeitsteilung und deren Entwicklungseffekte bauen, wenn es zu eigenem Wohlstand gelangen will.“ (S. 104) Der Autor spricht von „drei Wachstumshebeln“, die eine eigenständige Wirtschaftsentwicklung begünstigen: Am wichtigsten sei Qualifikation („Bildungshebel“), gefolgt vom Aufbau entsprechender Infrastrukturen wie Maschinenparks („Kapitalhebel“) sowie drittens das Setzen auf Modernisierung („Fortschrittshebel“). Nur so sei ein maßgeblicher Aufschwung erreichbar, denn „geringe Arbeitskosten allein gleichen andere Defizite armer Gesellschaften nicht aus“ (S. 147). Fehlt es an diesen Bedingungen, so entsteht Stagnation ( „Der Teufelskreis der Armut ist kumulativ.“ S. 148). Unter Verweis auf die Analysen von Marx ist der Berater des ehemaligen französischen Premiers Lionel Jospin überzeugt, dass der allein an hohen Renditen interessierte Kapitalismus „aus sich heraus nicht in der Lage [ist], die notwendigen Bedingungen für eine allumfassende Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft schaffen zu können – das muss die Politik tun.“ (S. 148) Als Vorbild nennt der Autor die asiatischen Staaten, die „beharrlich und mit langem Atem gleichzeitig an der Entwicklung aller drei Hebel arbeiteten“ (ebd.). Mit Amartya Sen rät Cohen den ärmeren Staaten, ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, das es den Menschen als „handelnde Subjekte“ ermögliche, „ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“ (S. 149). Besonders warnt der Autor vor der Verschuldungsfalle: „Für die Aufnahme von Krediten gilt immer, wer sich heute verschuldet, verpfändet sich und nimmt in Kauf, morgen das Los eines Sklaven zu erleiden.“ (S. 190) Kredite seien für die Dritte-Welt-Länder wie „eine Droge, die ihre Probleme nicht wirklich löst, sondern auf später verschiebt“ (S. 191).

 

Und was können die reichen Staaten zu einer anderen Entwicklung beitragen? Cohen fordert die Mobilisierung einer Welt-Öffentlichkeit, „um die Handlungsabläufe der internationalen Organisationen miteinander zu verzahnen“ (S. 195), etwa der WHO und WTO (Medikamente), der WTO und ILO (Arbeitsbedingungen). Eine der UNO angegliederte „Organisation für wirtschaftliche Sicherheit“ sollte Entscheidungskompetenz beim Streit über die Anwendung von Normen zwischen den verschiedenen Weltorganisationen erhalten. Generell gehe es um die Schaffung supranationaler Organisationen, „die den armen Ländern den Anschluss an den internationalen Handel erleichtern helfen“ sowie von „unabhängigen und nicht-privatkapitalistischen Interessen unterworfenen Institutionen, die eine echte Weltöffentlichkeit herzustellen in der Lage sind“ (S. 200). Ein Umschwung, so ist der Autor überzeugt, läge im Interesse aller, denn: „Die Armut der Armen bringt den reichen Ländern nichts und sie ist ökonomisch völlig nutzlos.“ (S. 199). H. H.

 

Cohen, Daniel: Globalisierung als politische Herausforderung. Hamburg: Europ. Verl.-Anst., 2006. 211S., € 19.80 [D], 20,40 [A], sFr 33,40

 

ISBN 978-3-434-50603-4