Die „Machbarkeit der Welt“ sei immer eine Fiktion gewesen – Traum und zugleich Trauma der „einfachen Aufklärung“ und des „kurzen Vierteljahrtausends des nationalstaatlichen Paradigmas.

 

In der gegenwärtigen Welt zunehmender Interdependenzen werde sie gänzlich zur Illusion, so der Soziologe Ludger Pries, ebenso wie die Vorstellung einer Zeit, „in der die Menschen ihr Dasein hinreichend in nationalen Containern“ (S. 358) einrichten konnten. Er lenkt den Blick weg von abstrakten Theorien und Utopien eines Universalismus hin auf die konkreten sozialen Verflechtungen, die sich auf dem sich verändernden Planeten vollziehen – auf die „Transnationalisierung der sozialen Welt“. Globalisierung werde als Zukunftshoffnung oder Schreckgespenst dargestellt und vereinfacht, sie vollziehe sich jedoch in verschiedenen Formen, so der Autor: als Inter-Nationalisierung, Supra-Nationalisierung und (Re)-Nationalisierung, als Globalisierung, Glokalisierung, Diaspora-Internationalisierung (z. B. Multinationale Konzerne) und Transnationalisierung. Auf all diesen Ebenen gehe es um das „Zusammenleben der Menschen, ihre Verflechtung in Beziehungen, Netzwerke und Sozialräume mit anderen Menschen“, die sich über nationale Grenzen hinweg ergeben: Ob in grenzüberschreitend operierenden Unternehmen oder transnationalen Netzwerken von NGOs, in Diaspora-Kulturen von MigrantInnen oder transkulturellen Familien, transnationalen Unternehmensbetriebsräten oder internationalen Gewerkschaften. Pries beschreibt die Vielfalt dieser Beziehungen und ihrer Wirkungen und verweist dabei auch auf erste Versuche transnationaler Regelwerke etwa im Umweltbereich, aber auch im Bereich der Erwerbsregulierung und der Festlegung sozialer Standards. Während es in der „Arbeiterfrage im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie auch bei der Rassen- und Kastenfrage eines Mahatma Ghandi oder Nelson Mandela ein halbes Jahrhundert später“ im Wesentlichen darum gegangen sei, den industriellen Kapitalismus auf der nationalstaatlichen Ebene zu zähmen, gehe es heute um transnationale Lösungen – eine Analyse, die der Autor mit anderen teilt. Die Umsetzung sei aber schwieriger: Es fehlt „ein einheitlicher staatlicher Souverän“ sowie eine „alle Kräfte sortierende soziale Bewegung“, zudem gebe es nicht mehr das „eine drängende Hauptproblem, über dessen primäre Lösung mehr oder weniger Einigkeit“ besteht (S. 352 f.). Soziale Probleme, ökologische Herausforderungen, Katastrophen- und Sicherheitsbedrohungen, Gerechtigkeits- und Menschenrechtsfragen greifen „vielfältig ineinander“. Die Zukunft werde, so Pries, von einem „sehr widersprüchlichen Geflecht von Unternehmen, Interessensverbänden, NGOs, nationalen, supranationalen, transnationalen und internationalen öffentlichen und privaten Akteursgruppen, sozialen Bewegungen des Südens und des Nordens, des Westens und des Ostens bestimmt“ (S. 353). Sollen wir deshalb resignieren? Nein, meint Pries, wir können aber lernen, „dass wir nicht mehr die Weltbesteller und Weltenpflüger sind, dass wir wohl aber beständig Brücken und Verbindungen bauen können“ – für Prinzipien wie Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit (S. 350). Sich mehrende „Gemeinsamkeiten in den Erfahrungswelten und Daseinsweisen“ über Nationalgrenzen hinweg würden dabei das Ferment bilden. Denn, so die Grundthese des Autors: „Wenn die Weltbürgergesellschaft mehr sein soll als ein vager Traum oder eine politische Deklamation, so wird sie in starkem Maße aus den sich real verwebenden transnationalen Sozialräumen erwachsen.“ (S. 359) H. H.

 

Pries, Ludger: Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008. 400 S., € 15,- [D], 15,45, sFr 25,50

 

ISBN 978-3-518-12521-2