„Wir sollten die Globalisierung dort vorantreiben, wo es sinnvolle Synergieeffekte gibt. Wo das nicht der Fall, sollten wir nationale und regionale Strukturen nutzen“, so Gerd Müller, seit 2013 deutscher Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in dem Band „Unfair. Für eine gerechte Globalisierung“ (Zitat S. 60). Müller beschreibt darin seine Erfahrungen als „Entwicklungsminister“ sowie seinen Ansatz einer nachhaltigen Entwicklung. Das globale Agrobusiness gehört für ihn nicht dazu, wie er am Beispiel „Sojaproduktion“ in Lateinamerika und seinem Pendant, der industriellen Fleischproduktion, beschreibt. Und auch nicht die moderne Verschleißwirtschaft und autozentrierte Mobilität. Beides sei nicht globalisierbar. Müller schildert Alternativansätze: etwa eine Initiative des Entwicklungsministeriums „für eine neue Mobilität“, in der Städte des Südens in der Umsetzung eines für alle leistbaren öffentlichen Verkehrs unterstützt werden. Technologietransfer soll den Ländern des Südens  den Einstieg in erneuerbare Energien  ermöglichen, wie das Beispiel eines großen Solarparks in Marokko zeigt.

Einen gewichtigen Teil des Buches widmet Müller den globalen Migrationsbewegungen, in denen er eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sieht – eben, weil sie auch die reichen Länder tangieren. Der Minister fordert von den Ländern der Europäischen Union mehr Bereitschaft, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Der Sog, der aus den Unterschieden zwischen Arm und Reich entsteht, könne aber nicht mit offenen Grenzen gelöst werden: „Unabhängig davon, ob wir die ‘Obergrenze’ bei 200.000, bei einer Million oder fünf Millionen sehen, löst dies das Problem von Flucht und Vertreibung nicht.“ (S. 44) Diese Probleme seien nur durch eine „neue Dimension der Entwicklungszusammenarbeit“ (S. 46) anzugehen. Gemeinsam mit dem Senat für Wirtschaft, mit dem das Buch erstellt wurde, schlägt Müller einen „Global Marshall Plan mit Afrika“ vor. Sein Ziel lautet: „Wertschöpfung vor Ort statt Ausbeutung des Kontinents.“  (S.116) Afrikas Jugend benötige jedes Jahr 20 Millionen Arbeitsplätze, so Müller, dies schaffe nicht die staatliche Seite, „sondern letztlich nur die Wirtschaft“ in Verbindung mit einem „fairen Handel“ (ebd.). Dass wir bisher weit davon entfernt sind, bestätigt auch Müller in seinem Ausblick auf eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft. Die multinationalen Konzerne müssten viel mehr in die Pflicht genommen werden und die gesamten Wertschöpfungsketten zertifizieren und kontrollieren lassen. Zudem sei es Aufgabe der Staatengemeinschaft, ein transparentes weltweites Steuerkontrollsystem umzusetzen.

Franz-Josef Radermacher setzt in der Einleitung zum Buch darauf, dass die Weltfinanzkrise ein Umdenken ermöglichen könne. Mittlerweile werde im öffentlichen Raum wieder ausgesprochen, „was in der Sache schon immer klar war, dass wir nämlich einen starken Staat und eine ordnende Hand für die Wirtschaft brauchen“ (S. 8). Entwicklungszusammenarbeit gleiche heute einer „nachgeordneten Reparaturwerkstatt“, die „Pflaster auf Wunden klebt, die wir zuvor aufgerissen haben“ (S. 9). Wie die derzeitige internationale Finanzarchitektur Korruption und Intransparenz unterstützt, macht Radermacher an dem Umstand deutlich, dass „jedes Jahr mehr als 50 Milliarden US-Dollar über illegale Kapitalflüsse aus Afrika in Steuerparadiese hinausgeschleust werden“ (S. 9).

Ein wichtiges Buch mit den richtigen Ansätzen, die wohl nur eine Umsetzungschance haben, wenn der zivilgesellschaftliche Druck weltweit wächst, die vielen Klein- und Mittelunternehmen eingeschlossen, die nach wie vor das Rückgrat der regionalen Wirtschaft bilden.  Hans Holzinger

 Bei Amazon kaufenMüller, Gerd: Unfair. Für eine gerechte Globalisierung. Hamburg: Murmann, 2017. 191 S., € 19,90 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-86774-579-6