Deutschland multireligiös

Ausgabe: 2017 | 4

[caption id="attachment_10090" align="alignleft" width="181"] Deutschland als multireligiöser Staat[/caption]

Nicht nur die aktuelle Zuwanderung von muslimischen Flüchtlingen stellt das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland vor neue Herausforderungen. Auch wenn inzwischen Rechtspopulisten vor einer „Islamisierung“ Deutschlands warnen, kann davon, so Hans Markus Heimann, keine Rede sein. Derzeit sind gerade einmal fünf Prozent der Einwohner im Lande Muslime. Gleichzeitig sind die Zeiten, in denen in Deutschland die beiden großen christlichen Kirchen eine Mehrheit der Bevölkerung repräsentierten, vorbei. In Berlin gehören nur noch 30 Prozent einer christlichen Kirche an, in Leipzig sind es 15 Prozent, in Stuttgart etwas über 50 Prozent. Insgesamt kann man sagen, dass die religiöse und weltanschauliche Vielfalt nachweislich größer geworden ist, und Deutschland gilt, obwohl dieses Faktum in der Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein scheint, längst als multireligiöser Staat.

Ausgehend von der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit gibt der Jurist und Staatsrechtlers Heimann einen umfassenden Überblick über Regelungen, die das Verhältnis von Staat und Religion betreffen. Dieses ist mit seinen zahlreichen, „von der Bevölkerung oftmals sehr emotional wahrgenommenen Facetten ein rechtlich normiertes“ (S. 11). Es existiert also ein verfassungsrechtlicher Rahmen und deshalb lassen sich „alle Fragestellungen mit Religionsbezug am Grundgesetz messen, und hier insbesondere an Art. 4 GG, der die Religions- und Weltanschauungsfreiheit schützt.“ (S. 12) Einige Aspekte dieser Freiheit werden im ersten Teil des Buches dargelegt.

Zwar sind die Religionsgesellschaften vom Staat institutionell getrennt, doch dürfen sie mit ihm in vielfacher Hinsicht zusammenwirken: im Religionsunterricht, in den Theologischen Fakultäten oder bei der Einhebung von Kirchensteuern. Die Frage ist, wie weit der Staat überhaupt in die Ausübung der Religion eingreifen soll. Diese und andere Themen beschäftigen Heimann mit Blick auf das Grundgesetz im zweiten Teil des Buches.

Auch die Frage, ob religiöse Symbole in Schulen und Öffentlichen Gebäuden heute noch benutzt werden sollen, ist wieder aktuell. Darum geht es dann auch im Abschnitt um die grundrechtliche Dimension der Religionsfreiheit als „magna charta“ des multireligiösen Staates. Hier kommen aktuelle Konfliktfelder wie etwa religiös motivierte Bekleidung, Beschneidung, Glockengeläut und Muezzinruf, um nur einige zu nennen, ins Spiel. Entscheidend für die Lösung aller Fragen und Spannungen ist für Heimann das religionsrechtliche System. Die wesentlichen Elemente, mit Multireligiosität umzugehen, sind Religionsfreiheit und Neutralität des Staates wie sie im Grundgesetz angelegt sind, so der Autor.

Es ist durchaus legitim, sich nur auf die rechtliche Position zu beschränken, ob das der heutigen Situation gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt. Kritisch ist auch die These von der Multireligiosität insofern zu bewerten, als immer mehr Menschen keiner Religion mehr angehören. Warum also beruft man sich noch auf die Werte des „christlichen Abendlandes“, wenn es darum geht, Zuwanderer auf unsere Werte zu verpflichten?   Alfred Auer

Bei Amazon kaufenHeimann, H. Markus: Deutschland als multireligiöser Staat. Eine Herausforderung. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2016. 248 S., € 22,99 [D], 23,70 [A] ; ISBN 978-3-10-002477-0