Der Soziologe Stephan Lessenich bringt mit dem Begriff der „Externalisierungsgesellschaft“ auf den Punkt, was in der Nachhaltigkeitsdebatte seit vielen Jahren bekannt ist und dennoch gerne unter den Tisch gekehrt wird: Mit Mülltrennen und Recyceln, Solarzellen und E-Autos allein wird die Transformation nicht gelingen. Zur Disposition stehen vielmehr der westliche Konsumstil und die Auslagerung seiner Folgekosten im Globalkapitalismus der langen Güterketten und die Verstrickung in soziales Unrecht anderswo. Dass wir nicht mehr sagen können, wir hätten nichts davon gewusst, macht der Titel des Buches „Neben uns die Sintflut“ deutlich. Seine zentrale These: „Den eigenen Wohlstand zu wahren, indem man ihn anderen vorenthält, ist das unausgesprochene und uneingestandene Lebensmotto der ´fortgeschrittenen´ Gesellschaften im globalen Norden.“ (S. 19)

Lessenich stellt die Analyse der sozialen Verhältnisse in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, als „Gegenwartssoziologie der Externalisierungsgesellschaft“ (S. 50). Dabei geht es um die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Lebenswelten und um das Verständnis jener Strukturen und Mechanismen, die die bestehende Ungleichheit von Macht und Handlungsmöglichkeiten verstärken, und damit die Zunahme von Armut in anderen Ländern bewirken. Einprägsame Beispiele helfen, die Auswirkungen unseres wirtschaftlichen Handelns zu begreifen, die in unseren Entscheidungen keine Rolle spielen und die uns meist nicht bewusst sind. Lessenich beschreibt, wie der Handel die Natur in den Ländern des Südens belastet und Menschen ausbeutet. Rohstoffextraktion für unsere Industrieerzeugnisse, Sojaproduktion für unser Viehfutter, Palmölplantagen – nicht nur für unsere Ernährung, sondern auch für unsere Autos, Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen vom angestammten Land.

Der Autor ist überzeugt: Das Pendel werde zurückschlagen, die Auswirkungen der Ausbeutungsstrukturen auch bei uns spürbarer werden, zumindest was den Klimawandel anbelangt. Und dennoch setzt er insbesondere auf Bewegungen aus den Ländern des Südens, verstärkt durch transnationale NGOs des Nordens. Für Veränderungen brauche es eine kollektive Selbstermächtigung, und diese Transformation werde nicht von den Reichen, sondern von den Alternativen zum kapitalistischen Ausbeutungssystem getragen: Von sozialen Bewegungen, die es längst schon gibt, in Brasilien, Mexico, Indien, oder internationalen Initiativen wie der internationalen Kleinbauernorganisation Via Campesina sowie von vielen anderen, die sich für eine Welt der gleichberechtigten Lebensführung einsetzen. Die Hoffnung: eine globale Demokratie, die die Macht der Zentren des Wohlstands beschränkt und dem System ungleichen Tauschs ein Ende bereitet. Hans Holzinger 

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ISBN 978-3-446-25295-0