Der australische Paläontologe Tim Flannery nimmt uns mit auf eine überaus faszinierende und detailreiche Reise durch Europas Naturgeschichte. Nahezu 70 Millionen Jahre war Europa mehr ein tropischer Archipel denn ein Kontinent: eine permanent dem Wandel unterworfene Weltgegend, die vor allem aus dem großen Ozean Thetys und zahlreichen Inseln bestand. Immer wieder entstanden und verschwanden Landbrücken, die den Austausch von Flora und Fauna aus anderen Kontinenten erlaubten. 

Nach dem verheerenden Meteoriteneinschlag, der das Aussterben der Dinosaurier verursacht hatte, verfiel die Erde in eine Art nuklearen Winter: „Der Fossilbericht weist an diesem entscheidenden Zeitpunkt leider gähnende Leere auf – eine Leere, die sich über fünf Millionen Jahre erstreckt“ (S. 59). Vor etwa 34 Millionen Jahren zeichneten sich schon deutlich Konturen des heutigen Europas ab. Die Säugetierpopulation nahm markante Züge an: Schweine, Wiederkäuer, Nagetiere und Katzen legten den Grundstock für die weitere Entwicklung. Vor fünf Millionen Jahren war das heutige Europa topographisch beinahe „fertig“, doch Flora und Fauna sollten noch zahlreiche dramatische Änderungen durchlaufen. Besonders bemerkenswert war die Existenz von affenähnlichen Wesen im Miozän, die aus Afrika einwanderten, sogar eines aufrechten Gangs fähig waren und in Europa einen entscheidenden Entwicklungssprung machten: „Bei diesen handelt es sich um die allerersten Hominiden, deren Auftreten in Europa, das dort mindestens eine Million Jahre früher erfolgt ist als in Afrika, dafür spricht, dass unsere Familie mit großer Wahrscheinlichkeit in Europa entstanden ist – und nicht, wie man lange Zeit annahm, in Afrika.“ (S. 125) 

Einschneidende geologische Ereignisse

Zwei einschneidende geologische Ereignisse sollten Europa in der vormenschlichen Zeit noch prägen: Zum einen die Messinische Salinitätskrise vor sechs Millionen Jahren, als das Mittelmeer vom Atlantik abgeschnitten wurde und in Folge austrocknete – in nur 1.000 Jahren. Die riesige Salzpfanne mit höllisch-heißen Temperaturen änderte die Welt nachhaltig, indem sie das Zufrieren der Polkappen beschleunigte – und damit die kommende Eiszeit als zweites großes Ereignis einleitete, in der sich Wellen von Kalt- und Warmperioden abwechselten. Tatsächlich würden wir aktuell in einer Zwischeneiszeit leben: „Doch in den letzten ungefähr 20 Jahren ist eine derart große Menge an Treibhausgasen ausgestoßen worden und hat sich der Planet so erwärmt, dass sich die Wissenschaftler sicher sind, dass das Eis nicht zurückkehren wird.“ (S. 157)

Auf Grund der häufigen Klimaveränderungen war die Eiszeit von Migration und Aussterben geprägt. Mit der Ankunft des Homo sapiens vor etwa 38.000 Jahren änderte sich das europäische Ökosystem noch einmal massiv: Die eiszeitliche Megafauna verschwand – Mammut, Wollnashorn und Höhlenbär haben die Ankunft des modernen Menschen nicht lange überlebt. Der massive Einfluss des Menschen zeigt sich vor allem auf den europäischen Inseln: Sämtliche größeren inselspezifischen Tierarten sind nach der Ankunft der Menschen ausgestorben – eine typische Inselfauna gibt es in Europa quasi nicht mehr. 

Wiederkehrende Katastrophen  

Den aktuellen Versuchen, eine urzeitliche Fauna in Europa wiederherzustellen, sei es durch Auswilderungsprogramme oder gar genetische Rückzüchtungen, steht Flannery mit freundlicher Neugier gegenüber. Gleichzeitig betont er, dass es bei Säugetieren durchaus bemerkenswerte Erfolge gebe, aber unscheinbare Tierarten – insbesondere Insekten, aber auch Vögel – massiv bedroht seien und Europa vor allem durch die industrialisierte Landwirtschaft auf einen ökologischen Kollaps zusteuere. Dazu kommt der Klimawandel: „Der gegenwärtige Erwärmungstrend verläuft mindestens 30 Mal schneller als jener, der die großen Eisschilde am Ende des letzten glazialen Maximums hat abschmelzen lassen, und ereignet sich zu einer Zeit, in der Temperaturen herrschen, die zu den wärmsten der letzten drei Millionen Jahre der Erdgeschichte zählen. Der Zyklus der Eiszeiten ist bereits durchbrochen.“ (S. 303) Die Erdgeschichte lehrt uns, dass Katastrophen immer wieder passieren. Doch das Leben braucht viele hunderttausende Jahre, um sich wieder zu erholen – ein zu hohes Risiko.

Flannery ist humorvoll und pointiert, und vor allem regt er die Fantasie an, wenn er erstaunliche Kreaturen der Vergangenheit liebevoll portraitiert. Sein Buch ist eine Liebeserklärung an den Kontinent – da sieht man dem Autor nach, dass er sich mitunter in Details verliert und der Text durchaus manche Kürzungen vertragen hätte. Das Tröstliche des Buches ist, dass das Leben ständig Veränderungen unterworfen ist, viele Rückschläge hinnehmen muss – aber am Ende immer siegt.