Für die einen bedeutet es grenzenlose Kommunikation, für die anderen das Ende unserer vertrauten Wissensordnung - das Internet polarisiert nach wie vor die Meinungen. Doch während die einen noch überlegen, wie sie die neue Welt des Cyberspace finden sollen, schreitet diese unbeirrt voran. Die damit verbundenen Veränderungen sind enorm, sie betreffen nicht nur die materielle Umwelt der Menschen, sondern könnten möglicherweise "zu einem Umbau des Menschen führen". Der Publizist Florian Rötzer. bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema (u.a. „Digitalter Schein" oder "Die Telepolis") begleitet seine Leser durch das World Wide Web und dessen mögliche Folgen. Jenseits ausgetretener Pfade üblicher Analysen in der Computerliteratur wählt er einen neuen, interessanten Zugang zur digitalen Lebenswelt.

Der Cyberspace ist weder fertig noch geordnet. Viele Erwartungen gleichen oft nur Träumereien, viele Veränderungen sind in vollem Gang. Wie gravierend der Einfluß der neuen Medien bereits ist, zeigt Rötzer an den heute vorherrschenden Bildmedien, die zweifellos visuell ansprechender sind als Buchstabenketten. Doch der schöne Schein ist trügerisch: Angeblich, so der Autor, sollen in Deutschland bereits 25 Prozent (vor zehn Jahren waren es nur 5 Prozent) aller Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren teilweise erhebliche Artikulationsstörungen haben. Auch die Kunst, so Rötzer polemisierend, ist längst nicht mehr das Instrument des Möglichen, da sie nichts mehr bewegt und keine besondere Sphäre mehr darstellt. "Die Schere öffnet sich offensichtlich nicht mehr zwischen hoher und populärer Kultur, sondern zwischen Erlebnistechniken und den Einsichten und Zukunftsaussichten. die von den „Fröhlichen“, computergestützten Technowissenschaften gezeichnet werden." (S.15)

Das zentrale Thema Rötzers jedoch ist eine Theorie der kulturellen Evolution. Für den Wandel im Zeitalter der Computertechnologie sucht er eine Analogie zu biologischen Mechanismen. Die neue Wissenschaft der Memetik löst für ihn diese Ansprüche ein. Meme sind grundlegende Informationseinheiten, die nichts anderes im Sinne haben, als sich zu reproduzieren und zu verbreiten. „Meme verbreiten sich wie Gerüchte oder Epidemien, lösen durch Nachahmung und/oder Replikation Veränderungen und Umorientierungen in den Menschen aus." (S.187) Deshalb ist die „Ansteckbarkeit" eine Vorbedingung der Übertragung von Informationseinheiten.

Schließlich beschäftigt sich der Autor noch mit den Themen Ortlosigkeit und Mobilität im Cyberspace. Er gibt zu bedenken, daß der Cyberspace stets in der Wirklichkeit verankert ist und trotz Telearbeit und virtueller Firmen die Städte sowie Ballungsgebiet zu bislang kaum vorstellbarer Größe heranwachsen und bis zum Jahr 2020 weltweit doppelt so viele Autos wie jetzt erwartet werden. Insgesamt ist Rötzers Einstellung gegenüber den neuen Kommunikationstechnologien ambivalent. Die digitale Welt. so der Medienexperte, wird nach den Visionen der Autoren des 1994 in den USA verfaßten Manifests "Magna Carta für den Cyberspace" ein Marktplatz, auf dem "Wissen" zur "Ware wird und an dem sie die erneute Einlösung des ,American dream' sowie des Versprechens des ,American life' festmachen, als ob die sozialen Verhältnisse in den USA als Vorbild für die ganze Welt taugen würden" (S.223).

A. A.

Rötzer; Florian: Digitale Weltentwürfe. Streifzüge durch die Netzkultur. München (u.a.): Hanser, 1998. 279 S. (Edition Akzente) DM 34, - / sFr 32,20/ öS 248,-