Frißt die Demokratie ihre Kinder? Muß ein ethisch fundiertes, ganzheitliches politisches Handeln an den Machtkämpfen und -krämpfen eines nach wie vor nicht geeinten Europas scheitern? Das fragten sich viele von Alexander Langers Freunden - darunter auch der Rezensent -, als sie 1995 von der Selbsttötung des 49jährigen erfuhren. Die Last des sich selbst aufgebürdeten politischen Engagements in zu vielen Bereichen war für den charismatischen Pionier unerträglich geworden. Die hier angezeigte, sorgfältige Auswahl exemplarischer Reden, Artikel und autobiographischer Notizen präsentiert ihn als Warner und Mutmacher zugleich. Seine kritisch aufgearbeitete, geistige Beheimatung im Katholizismus, dem Südtiroler Regionalismus und "linken" Bewegungen mit ihren einengenden Fixierungen auf Traditionen und Ideologien trieb ihn dazu, sich zunehmend in internationalen Basisbewegungen zu engagieren. Doch vom ethnischen Sauberkeitswahn in seiner Heimat Südtirol bis zum Säuberungswahn in Ex-Jugoslawien (und anderen Konfliktregionen) verfolgte ihn die menschenverachtende nationalistische Politik bis zu seinem Tod. ”Europa stirbt oder wird wiedergeboren in Sarajewo" übertitelt er einen seiner programmatischen Texte, in denen er Mut für ein gewaltfreies Zusammenleben machte. Trotz der verfehlten Strategie der EU auf dem Balkan und ihrer ebenso problematischen Umwelt-, Sozial- und Entwicklungspolitik glaubte er an eine erfolgreiche europäische Einigung. Auch plädierte er für die Ausweitung der EU nach Süd und Ost. Die hegemonialen Tendenzen und die Abschottung gegenüber dem "armen Süden" vor Augen, bemühte er sich als Europaparlamentarier (und Fraktionsführer) der Grünen, deren antikapitalistische, föderale und minderheiten- . fördernde Gegenkonzepte in ein EU-Reformkonzept zu integrieren. In seinem Kampf für die Rechte von Mensch und Umwelt auf parlamentarischer und außerparlamentarischer Ebene spiegelte sich die Komplexität und Tragik europäischer und globaler Politik und ethischen Handelns wider. M. Rei.

Langer, Alexander: Die Mehrheit der Minderheiten. Warum wird unsere Welt vom ethnischen Sauberkeitswahn und vom grundlosen Vertrauen in Mehrheiten beherrscht? Berlin: Wagenbach, 1996. 143 S. (War 268) DM 19,80/5 Fr 20,80/ÖS 145