Die besondere Qualität des „Jahrbuchs Ökologie“ wurde durch viele Ausgaben bereits unter Beweis gestellt, der aktuelle Band bestätigt dies einmal mehr. In fachkundigen und zugleich prägnanten Aufsätzen werden Umweltthemen leserfreundlich aufbereitet. Schwerpunkt des „Jahrbuchs Ökologie 2011“ ist der Klimawandel, dabei wird vor allem den neuen Zukunftsstrategien des Geo-Engineering nachgespürt, also der technischen Speicherung von CO2 oder der technischen Beeinflussung des Klimas, die (zumindest in den USA) derzeit der Vermeidung von Treibhausgasen den Rang abzulaufen droht.

 

Patrick Eickemeier und Hans J. Schellnhuber stellen einleitend anschaulich die sogenannten „Kippelemente“ des Klimas dar. Dabei handelt es sich um Phänomene, die zum plötzlichen Umschlag von Klimaverhältnissen bzw. zu sich selbst verstärkenden Eskalationsdynamiken führen, wie etwa die Gefahr des Ausfalls des Golfstroms oder des Auftauens von Permafrostböden. Denkbar ist das Abrutschen von großen Polareismassen ebenso wie die Verringerung der CO2-Speicherungskapazität durch Meere und Wälder.

 

In der Folge werden diskutierte Maßnahmen des Geo-Engineering beschrieben: „Solar Radiation Management“ (SRM) als Versuch, einen Teil der Sonnenstrahlung auf die Erde in den Weltraum abzulenken; „Carbon Dioxide Removal“ (CDR) als Strategie, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu absorbieren und auf dem Land oder im Meer zu speichern. Die künstliche Erdabkühlung durch Sulfatinjektion in die Stratosphäre erklärt Paul Crutzen als letzten Ausweg aus dem Scheitern der Klimapolitik der Treibhausgas-Reduzierung , auch wenn er um die unbekannten Risiken weiß. Schwefelpartikel, die in die Atmosphäre „gespritzt“ werden, verringern dabei die Sonneneinstrahlung auf die Erde. Die Einschätzung des Klimaexperten: „Die beste Lösungsstrategie für das Klimaproblem wäre, die Treibhausgase in einem Umfang zu reduzieren, dass ein stratosphärisches Schwefelexperiment nicht notwendig werden würde. Dies erscheint gegenwärtig aber wie ein frommer Wunsch.“ (S. 36). In weiteren Beiträgen werden die „Erdabkühlung durch Eisendüngung der Ozeane“ sowie andere Maßnahmen der CO2-Abscheidung erläutert. Der Tenor der Ausführungen lautet, dass alle diese Strategien mit vielen Unbekannten behaftet sind, dies aber nicht bedeuten dürfe, in den Anstrengungen für eine aktive Klimapolitik nachzulassen.Aspekten eben dieser aktiven Klimapolitik ist der nächste Abschnitt des Jahrbuchs gewidmet: es erfolgen Einschätzungen zu den internationalen Klimaverhandlungen nach Kyoto und Kopenhagen, zur Rolle der neuen Player wie China, Indien, Brasilien und Südafrika, die sich zur Allianz der BASIC-Staaten  zusammengeschlossen haben (Susanne Dröge u.a.). Es werden die Aussichten der Klimapolitik in den USA, Europa und Deutschland dargelegt, die Chancen technologischer Innovationssprünge (Martin Jänicke) aufgezeigt, zugleich aber auch die Dilemmata der Kluft zwischen Klimabewusstsein und Alltagshandeln in den Konsumgesellschaften problematisiert (Udo Kuckartz).

 

Aufschlussreich und als Auftrag, endlich dagegen zu protestieren, lesen sich die immensen Ausgaben, die derzeit in die Kernfusion gesteckt werden. Silvia Kotting-Uhl schätzt die Entwicklungskosten auf 100 Mrd. Euro, um dann um 2050 womöglich Strom aus Kernfusion gewinnen zu können, was in Bezug auf den Klimawandel freilich viel zu spät ist. Die Hoffnung, mit Kernspaltung und Kernfusion unerschöpfliche Energiequellen zu finden, bezeichnet die Autorin daher als „Utopie des Industrialismus von gestern“ (S. 154). Dem werden „Basisinnovationen anderer Art“ entgegengesetzt, nämlich eine Energiewende, wie sie etwa die von der schottischen Stadt Totnes ausgehende „Transition-Town“-Bewegung fordert, sowie eine längere Nutzung von Gütern. Bettina Brohmann hofft dabei auch auf eine neue internetbasierte „Auktionskultur“. Gesprochen wird von einem neuen Zugang zu Arbeit (Christine Ax) sowie von innovativen Wegen der Ernährungssouveränität, die Edgar Göll etwa anhand des ägyptischen Projekts „SEKEM“ darlegt.

 

Das Jahrbuch schließt  - wie jedes Mal mit „Ökoporträts“: vorgestellt werden Angelika Zahrndt, bis 2008 Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Beate Weber, die bis 2006 als Oberbürgermeisterin von Heidelberg die Stadt um Vieles ökologischer gemacht hat, und schließlich Josef Beuys als „Künstler und Schamane“.

 

Mittlerweile ist das „Jahrbuch Ökologie 2012“ erschienen, welches neue Ansätze einer „Grünen Transformation“ thematisiert. H. H.

 

 

 

Die Klima-Manipulateure. Rettet uns Politik oder Geo-Engineering? Jahrbuch Ökologie 2011. Hrsg. v. Günter Altner ….Stuttgart: Hirzel, 2010. 248 S.,€ 19,80 [D], 20,50 [A], sFr 33,80 ; ISBN 978-3-7776-2110-4

 

Grüner Umbau. Neue Allianzen für die Umwelt. Jahrbuch Ökologie 2012. Hrsg. v. Günter Altner ….Stuttgart: Hirzel, 2010. 246 S., € 19,80 [D], 20,50 [A], sFr 33,80

 

ISBN 978-3-7776-2152-4