"Die Informationsrevolution ist schon geraume Zeit im Gange, aber sie ist noch im Stadium ihrer Kindheit. Bis zu ihrem Erwachsenenwerden wird es vielleicht noch an die zehn Jahre dauern. Die Technologie befindet sich erst in einer anfänglichen Entwicklungsphase verglichen mit dem, was auf den Zeichenbrettern und in den Gehirnen der Visionäre vorgeht. Das Beste und das Schlimmste dieser Technik in Bezug auf ihre Wirkungen auf Gesellschaft und Politik stehen uns noch bevor." Dieser Aufsatz erörtert, wie der moderne bürokratische Staat Anfang des nächsten Jahrhunderts dem cyberkratischen Staat weichen könnte, in dem Herrschaft durch Information ausgeübt wird. Im Laufe der Entwicklung wird Information und ihre Kontrolle eine dominante Quelle von Macht sein, ein logischer nächster Schritt in der politischen Evolution des Menschen. Die Cyberokratie wird wahrscheinlich langsam, aber grundlegend bestimmen, wer die Macht ausübt, wie und warum. Sie wird sich wohl auf eine oder beide der folgenden Arten realisieren: im engeren Sinn (als Organisationsform, die traditionelle Formen von Bürokratie und Technik ersetzt) und/oder im weiteren Sinn (als Regierungsform, die die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft und zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor neu definiert) Der Autor entwickelt seine These in verschiedenen Perspektiven:

  • Während Bürokratie in bestimmten Kanälen verläuft und die Informationsweitergabe beschränkt, wird es in der Cyberokratie darauf ankommen, möglichst viele Informationen aus jeder erdenklichen Quelle zu bekommen;
  • unsere Technokratie zieht "harte", quantitative, wirtschaftlich meßbare Fertigkeiten vor; in der Cyberokratie werden eher" weiche", symbolische, kulturelle und psychologische Dimensionen Bedeutung erlangen;
  • Cyberokratie bedeutet, daß die gewohnten Vorstellungen von bürokratischen Begrenzungen überwunden werden;
  • im Maß, wie die neuen Technologien miteinander verbunden werden, werden sie eine neue Form eines weltumspannenden Cyber-Raums bilden; "wir bewegen uns in Richtung eines Zeitalters globaler Interdependenzen und globaler Vernetztheit":
  • die Informationsrevolution scheint Netzwerke als neue Organisationsform relativ wichtiger und interessanter zu machen als Hierarchien;
  • "Cyberokratie begünstigt als solche weder die Demokratie noch den Totalitarismus, sie kann aber fortgeschrittenere, gegensätzlichere und weiter voneinander entfernte Formen beider ermöglichen."

Ein weitsichtiger und gut belegter Beitrag. W R.

 

Ronfeldt, David: Cyberocracy is Coming. In: The Information Society 8/4 (Ende 1992), S. 243-296