An Google führt heute kaum ein Weg vorbei. Seit knapp 12 Jahren auf dem Markt, ist es nicht nur die weltweit größte Suchmaschine, die laut Wikipedia rund 80 Prozent der Suchanfragen abwickelt. Google sammelt auch extensiv Daten über seine Nutzer. Damit geriet der „Google-Komplex“ immer wieder in das Visier von Datenschützern und erwarb sich den Ruf, eine regelrechte „Datenkrake“ zu sein. „Bei der Suche nach Informationen hinterlassen die Nutzer breite Datenspuren, die sich im Hinblick auf Werbestrategien sammeln und auswerten lassen.“ (S. 12) Nicht von ungefähr sprechen viele von der „Weltmacht Google“ (z. B. das Magazin Stern, 21/2006). Und 2008 hat der österreichische Journalist Gerhard Reischl in „Die Google-Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet“ die dunklen Seiten des Suchmaschinengiganten beschrieben. Der Frage, wie diese Medienmacht zustande kommt, welche Mechanismen und Akteure daran beteiligt sind, geht Theo Röhle in seiner Analyse nach.

 

Suchmaschinen, so konstatiert Röhle, lassen sich aufgrund der engen Verschränkung von Mensch und Technik nicht als reine Maschinen beschreiben und sie lassen sich auch in ihrer Gatekeeper-Funktion nicht als Endpunkt, sondern vielmehr als Ausgangspunkt eines Machtgefüges darstellen, das einer differenzierenden Analyse bedarf. Deshalb sucht er nach Ansätzen, die in der Lage sind, auch neuartige, gegenläufige, subtilere Arten von Machtverhältnissen zu erfassen und zu verstehen (vgl. S. 15). Dabei geht es zunächst um die Rekonstruktion dessen, wie Google sowohl auf dem Suchmaschinenmarkt als auch in technischer Hinsicht eine dominante Position entwickelt hat. Es folgt eine theoretische Auseinandersetzung mit Machtkonzepten, die im Bereich der Suchmaschinenforschung verwendet werden. Anschließend beschäftigt sich der Autor mit der Frage, welche Qualitäten dafür verantwortlich sind, dass eine Suchmaschine bevorzugt genutzt wird. Hier kommen die Begriffe wie „Algorithmus“ bzw. „Formalisierung“ sowie Datenfluss- modelle ins Spiel. Im Blick auf Google sieht Röhle zwei gegenläufige Mechanismen am Werk, nämlich Konsultation (Daten) und Peripherie (Nutzer) und zweitens die Registrierung, bei der die Daten von der Peripherie zum Zentrum wandern.

 

Sich eher an Experten wendend, beschreibt Röhle die Hintergründe des Googe-Imperiums. Eine kritische Reflexion, etwa in Richtung der Beschränkung dieser Macht sind hier nicht zu finden. Der Hinweis darauf, dass die Macht auch der Bequemlichkeit der Nutzer geschuldet ist, wenn es darum geht, alternative Suchmaschinen zu nutzen oder auf Dienste zu verzichten, ist m. E. zu wenig. Für Stefan Anderssohn (Rez. v. 25.10.2010 in www.socialnet.de/rezensionen/10204.php) ergeben sich darüber hinaus bei Googles Selbstzensur in China Fragen nach demokratisch anerkannten Standards im Blick auf die Informationsfreiheit und danach, ob Staaten hier überhaupt noch ein Einmischungsrecht haben oder ob wir mit Google nur die Schwelle in das digitale Zeitalter überschreiten, wo Praktiken des Datensammelns und Filterns völlig legitim sind?

 

Röhle, Theo: Der Google-Komplex. Über Macht im Zeitalter des Internets. Transcript-Verl., 2010. 266 S., € 24,80 [D], 25,50 [A], sFr 42,20

 

ISBN 978-3-8376-1478-7