Überarbeitet und neu aufgelegt wurde nun im Passagen-Verlag eines der Schlüsselwerke der post-marxistischen Linken. „Hegemonie und radikale Demokratie“ von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe liefert seit rund 30 Jahren einen theoretischen Rahmen für die Zusammenarbeit der neuen und alten sozialen Bewegungen.

Laclau und Mouffe wollen vor allem Eines überwinden: Die Hierarchisierung unter den Bewegungen, die in unserer Gegenwart den real existierenden Verhältnissen kritisch gegenüber stehen. Lange Zeit wurde die Unterdrückung von Frauen, die Zerstörung der Natur, die Kriegsgefahr und viele andere Machtverhältnisse als Ergebnis der ökonomischen Ausbeutung im Kapitalismus bewertet. Widerstände gegen diese Zustände wurden – vereinfacht gesprochen – zu Nebenwidersprüchen.

Mit diesem Buch versuchten Laclau und Mouffe diesen Druck zur Unterordnung im Bereich der sozialen Bewegungen theoretisch in Frage zu stellen. Im Kern lehnen sich die Autorin und der Autor nicht nur gegen eine strategische Unterordnung auf, sie widerstehen generell dem Anspruch, die Widersprüche in der Gesellschaft auf eine gemeinsame Wahrheit zu verdichten. „Zum Beispiel gibt es keine notwendigen Verbindungen zwischen Antisexismus und Antikapitalismus.“ (S. 216) Im Vorwort der Herausgeber Michael Hintz und Gerd Vorwallner heißt es: „Die Produktion einer neuen Objektivität und Universalität, die den von Laclau/Mouffe in diesem Buch dargelegten Ansprüchen einer radikalen und pluralen Demokratie genügen, die Ausarbeitung neuer kollektiver Lebensformen, die das Spiel der Differenzen, des Individuellen allererst ermöglichen, kann sich an keinem privilegierten Haltepunkt sichern beziehungsweise lässt sich nicht an privilegierten Orten entfalten – ein elitärer Anspruch auf Führung wäre ohne jede Bedeutung.“ (S. 21)

Laclau und Mouffe schreiben, dass die Vervielfachung politischer Räume und das Verhindern von Machtkonzentration die Voraussetzungen jeder wirklich demokratischen Transformation seien. Vielmehr werden Widersprüche an verschiedenen Orten immer wieder aufbrechen – es ist nicht einmal vorhersagbar, an welchen Teilen der gesellschaftlichen Oberfläche die Konflikte in Zukunft aufbrechen und ausgetragen werden. Auch werde sich nicht notwendigerweise Klarheit ergeben, dass soziale Bewegungen sich positiv aufeinander beziehen müssen. Die Bewegung für Asyl und die Umweltschutzbewegungen haben keinen klaren Punkt, warum sie positiv zueinanderstehen müssen. „Das genaueste, was wir bekommen können, ist, `Familienähnlichkeiten´ zu finden“, schreiben die Autorin und der Autor in Anlehnung an Wittgensteins Sprachspiele. (S. 218) Die Zusammenarbeit neuer und alter sozialer Bewegungen könne nie durch Unterordnung erfolgen, sie könne auch nicht durch eine gemeinsame Ursache des Konflikts bestimmt werden. Mouffe und Laclau sehen eine Zusammenarbeit aber trotzdem als möglich an. Ihr Schlüsselbegriff dafür ist die „Äquivalenz“, die äquivalente Artikulation, die Zusammenarbeit an einem hegemonialen Projekt, das eine Formulierung findet, die verschiedene, auch irreduzible Interessen und Argumente, aufeinander bezieht. Es geht dann nicht mehr um Grundlagen der sozialen Ordnung, sondern um soziale Logiken, de in unterschiedlichem Maße in die Konstitution jeder sozialen Identität intervenieren. (S. 222) Der Preis ist, dass jede hegemoniale Position auf einem instabilen Gleichgewicht beruht: „Die Konstruktion geht von der Negativität aus, ist aber nur in dem Maße konsolidiert, wie es ihr gelingt, die Positivität des Sozialen zu konstituieren.“ (S. 229) (s.W.)

 Laclau, Ernesto ; Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. 5. überarb. Aufl. Wien: Passagen-Verl., 2015. 231 S.,

€ 29,90 [D], 30,80 [A] ; ISBN 978-3-7092-0179-4